GESCHENK GOTTES FÜR DAS LEBEN
Zusammengefasste Übersetzung des Hirtenbriefs der 6 Bischöfe der kolumbianischen Pazifikregion
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Wir grüssen unsere Schwestern und Brüder der katholischen Kirchengemeinden von Tumaco, Guapi, Buenaventura, Istmina-Tadó, Quibdó und Apartadó, Euch Indianer, Afros und Mestizen, die ihr unserem Hirtenamt in dieser Region der Pazifikküste anvertraut worden seid.
Wir wollen unsere Stimme zur Verteidigung des Lebens erheben, vereint mit den Stimmen der Opfer, die zum Himmel schreien, die die Auswirkungen des bewaffneten Konflikts erleiden, der sich wegen des Besitzes und der Nutzung des Territoriums zu Gunsten externer Interessen verschärft hat, die das Leben der einheimischen Bevölkerung bedrohen.
Es soll eine Stimme der Ermutigung und der Hoffnung sein, aber auch der Anklage gegen die widerrechtliche und grausame Invasion dieser Territorien und gleichzeitig eine Einladung, Gerechtigkeit walten zu lassen und die Schäden zu reparieren, die dem Ökosystem und dem menschlichen Leben zugefügt worden sind.
Die kolumbianische Pazifikregion ist eine Tiefebene, die im Osten an die Westkordillere grenzt, im Norden an Panama, im Süden an Ekuador und im Westen an den Pazifik. Dieses Territorium beherbergt die grösste Artenvielfalt der Erde im Verhältnis zur Fläche und die zweitgrösste Niederschlagsmenge weltweit. Es ist reich an Bodenschätzen: Erdöl, Seltene Erden, Kupfer, Platin und Gold.
In den letzten 30 Jahren ist das Land der Pazifikregion zu einem Territorium ethnischer Minderheiten geworden. Der kollektive Landbesitz ist sowohl für die Indianervölker (167 Reservate mit 1.760.523 ha) als auch für die Afrogemeinden (149 kollektive Territorien mit 5.128.830 ha) anerkannt und vor dem Markt und der illegalen Inbesitznahme gesetzlich geschützt. Die Landtitel sind unverjährbar, unveräusserlich und unpfändbar.
Doch während die Gemeinden mit ihren ethno-territorialen Organisationen die Erklärung der Territorialität und ihre Projekte der Lebensgestaltung vorantrieben, hatte das nationale und internationale Kapital bereits beschlossen, diesen schönen und friedlichen tropischen Regenwald der Dynamik der Globalisierung des Marktes einzuverleiben, was in unserem Land im Rahmen des bewaffneten Konflikts funktioniert. Früher als ?unwirtlich? verschmäht gewann dieses Territorium wegen der Reichtümer der Bodenschätze und der geografischen Lage am internationalen Pazifikbecken an Wert und wurde im Namen seiner Anbindung an die ?Entwicklung? und den ?Fortschritt? Bedrohungen und Aggressionen ausgesetzt. Mit dieser Logik werden Projekte der Infrastruktur in Gang gesetzt, die Voraussetzungen für die Entwicklung des Marktes schaffen und nicht die Verbesserung der Lebensqualität der Einheimischen zum Ziel haben. Diese werden mit dem Zugang zu einem angeblichen Fortschritt geködert, der in Wirklichkeit nur die grossen Wirtschaftsunternehmen begünstigt, Siedler anlockt und die wahren Eigentümer des Territoriums zu Hilfsarbeitern degradiert.
Um Gold zu fördern, hat die Regierung Bergwerkgesellschaften die Türen geöffnet, die das Territorium ausbluten, oft irreparable ökologische Schäden verursachen und nicht selten von Gewalt und sozialem Zerfall begleitet sind.
Im letzten Jahrzehnt hat sich das Vordringen des Kokaanbaus in der Pazifikregion intensiviert. Die Invasion vollzog sich durch den Druck der illegalen bewaffneten Gruppen, die Einwanderung von Siedlern aus anderen Gegenden und gelegentlich mit Duldung der zivilen und militärischen Autoritäten. Es ist unfassbar, dass trotz der zunehmenden Militarisierung die benötigten Chemikalien zur Herstellung frei zirkulieren, die Anbauflächen wachsen und der Handel mit Kokainpaste an diesem Ozean seinen Hauptexportweg konsolidiert im Rahmen eines wirtschaftlichen Einvernehmens zwischen Drogenhändlern, Paramilitärs, Guerrilla und öffentlichen Sicherheitsorganen.
Der bewaffnete Konflikt breitete sich Anfang der 90er Jahre über die Pazifikregion aus, als die Strategie der Aufstandsbekämpfung in Form paramilitärischer Aktionen unter offener Komplizenschaft mit den staatlichen Sicherheitsorganen einsetzte und zu einem Völkermord an den Indianern und Afros führte.
Bei unserer pastoralen Arbeit wurden wir Zeugen unzähliger Gewalttätigkeiten gegen diese Gemeinden, wobei alle bewaffneten Akteure, legale und illegale, als ?Besatzungstruppe? der ethnischen Territorien auftraten. Gewaltsame Massenvertreibungen waren die Folge, die dem oben beschriebenen Wirtschaftsmodell dienten, der widerrechtlichen Aneignung des Territoriums zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, dem Zwang zu Monokulturen für Agrotreibstoffe oder Rauschgifte, dem Bau von Strassen und Häfen, um die kolumbianische, brasilianische und venezolanische Wirtschaft an das Pazifikbecken anzubinden. Dieser Zusammenhang wird evident, wenn man die Kartographie der wirtschaftlichen Eingriffe, der bewaffneten Aktionen gegen die Zivilbevölkerung und der Massenvertreibungen übereinanderlegt.
Gegen derartige Gewalttaten regt sich Widerstand ohne Waffen, um das Territorium zu verteidigen. Die ethnoterritorialen Organisationen halten Stand trotz der Spaltungen, die einige von ihnen erlitten haben. Es entstehen neue Gemeinschaftsverbände, die Rechte der Opfer werden verteidigt, die Indianervölker entwerfen ihre Lebenspläne und die Afrobevölkerung ihre Pläne zur Ethnoentwicklung, wo die Verteidigung der Ernährungssouveränität zu einer tragenden Säule wird. In diesem Widerstand ist das Territorium der Angelpunkt, denn von ihm aus verstehen und präsentieren sich diese Gemeinden als Völker, hier können und sollen sie ihr Selbstbestimmungsrecht in politischer, wirtschaftlicher und territorialer Autonomie ausüben.
Die Situation, die wir gerade analysiert haben, drängt uns zur Suche nach Lichtblicken in unserem Glauben. Die Quellen sind das Wort Gottes, die spirituelle Erfahrung unserer Gemeinden und die Tradition des kirchlichen Lehramtes.
Im Glauben der Bibel ist das Land von Anfang bis Ende präsent. Es ist ein Geschenk Gottes für das Leben (Gen 1), soll nach Anzahl der Familien verteilt werden (Num 33,54) und darf nicht für immer verkauft werden (Lev 25.23). So schuf das Volk Israel Normen, damit der Grossgrundbesitz, der die Ärmsten landlos machte, nicht institutionell gefördert würde (Lev 25). Jesús greift genau diese Tradition auf (Lk 4,19). Sein endgültiges Projekt des Lebens besteht darin, dass es ?eine neue Erde und einen neuen Himmel? geben soll (Ap 21,1).
Dieser Ruf und Durst nach Gerechtigkeit in Bezug auf das Land war immer und bei allen Völkern vorhanden. Die Indianer, die Afros und die Landbevölkerung allgemein haben in der Geschichte durch ihre Beziehung zum Land echte spirituelle Erfahrungen gesammelt. Daher wird die Erde als Mutter bezeichnet, denn von ihr stammen wir ab.
Unsere Reflektion nährt sich auch aus der Stimme der Kirche, die in verschiedenen Momenten durch das Lehramt des Papstes und der Bischöfe gesprochen hat. ?Schon seit dem Altertum hat die Kirche das Recht der Armen unterstützt, auf ihrem Land zu wohnen und nicht vertrieben zu werden, und hat die Grenzen des Rechts auf Privateigentum in Bezug auf die lebenswichtigen Güter aufgezeigt? (Kolumbianische Bischofskonferenz).
In der Überzeugung, dass es unsere Pflicht ist, angesichts des Unrechts nicht zu schweigen, laden wir nun alle Kirchengemeinden, Seelsorger, Ordensleute und Institutionen unserer Kirche in der Pazifikregion ein, allen Ursachen der Gewalttaten und ihren Verantwortlichen die Stirn zu bieten, damit unser Handeln als Kirche, bestehend aus allen Getauften, ein Zeichen der Hoffnung für unsere Völker sei.
Wir wenden uns an die institutionelle Ordnung auf internationaler und nationaler Ebene, damit der Staat seine Verantwortung wahrnimmt für die Respektierung, die Garantie und die Einhaltung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, sowie für alle anderen internationalen Pakte oder Abkommen, die die Rechte der ethnischen Minderheiten anerkennen. Wir begrüssen die Empfehlungen, welche die Kommission der Vereinten Nationen für die Befolgung des internationalen Pakts über diese Rechte an den kolumbianischen Staat gerichtet hat: Agrarpolitik mit Priorität auf der Nahrungsmittelproduktion durch Förderung der Kleinbauern; Rückgabe des geraubten Lands an Indianer, Afros und Campesinos; Revision der Infrastruktur-, Entwicklungs- und Bergbau-projekte gemäss der Entscheidungen des Verfassungsgerichts und Schaffung eines Gesetzes über die Konsultation und Beteiligung der Indianervölker und der Afrobevölkerung; Berücksichtigung der Rechte der Bevölkerung beim Abschluss von Freihandelsabkommen; Bekämpfung von Hunger und Unterernährung vor allem unter Frauen, Kindern und Vertriebenen; der Kampf gegen den Drogenhandel darf keine negativen Folgen für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte haben.
Inständig bitten wir die Indianervölker und die Afrobevölkerung, ihre ethnoterritorialen Organisationsprozesse zu verstärken und Organisationen zu bilden, wo sie noch nicht bestehen, um das Eigentumsrecht und die kollektive Nutzung ihrer Territorien gemeinschaftlich zu verteidigen.
Die Organisationen und Gemeinden müssen strenger werden bei der Einhaltung ihrer rechtlichen und ethischen Regeln, damit ihre Führungskräfte das in sie gesetzte Vertrauen nicht verraten, und das Gemeinwohl Vorrang vor den Privatinteressen hat. Ein wahrer Gemeindeführer darf sich um keinen Preis verkaufen, er muss immer den Prinzipien der Organisationen und der Gemeinden treu sein.
Wir erwarten, dass der kolumbianische Staat Möglichkeiten für einen echten Dialog mit den Gemeinden der Indianer und der Afros und den Organisationen, die sie vertreten, schafft, damit die Politik der Zerstörung des Territoriums sich wandelt zu einer Politik, die die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche der einheimischen Bewohner der kolumbianischen Pazifikregion respektiert.
Wir unterstützen die Initiative der ethnoterritorialen Organisationen, eine ?REGIONALE AGENDA DES FRIEDENS?, aufzubauen, welche den Respekt gegenüber dem Territorium und die diesbezügliche Autonomie der Indianervölker und der Afrobevölkerung zum zentralen Inhalt hat. Daher leisten wir unsere Dienste der Vermittlung, damit diese Friedensagenda vorankommt und zu einer politischen Lösung des sozialen und bewaffneten Konflikts beiträgt.
Grundbedingung ist, dass alle bewaffneten Gruppen diese Territorien verlassen, die nationalen und multinationalen Wirtschaftsunternehmen ihre Aktionen der Invasion, Zerstörung und Plünderung einstellen, der Staat seine Pflicht der Respektierung, Gewährleistung und Einhaltung aller Rechte erfüllt und die In
dianervölker, die Afrobevölkerung und die Mestizen der Pazifikregion ihre Pläne über die Nutzung des Territoriums in verbindlicher Weise zur Geltung bringen.
Advent 2010
+ Gustavo Girón Higuita
Obispo de Tumaco
+ Hernán Alvarado Solano
Obispo de Guapi
+ Héctor Epalza Quintero
Obispo de Buenaventura
+ Julio Hernando García Peláez
Obispo de Istmina-Tadó
+ Fidel León Cadavid Marín
Obispo de Quibdó
+ Luis Adriano Piedrahíta Sandoval
Obispo de Apartadó
letzte Änderung: 06.03.2011
(seit 30.4.2001)