Liebe Freundinnen und Freunde,
nach dem letzten Rundbrief wurden wir oft gefragt, wie unsere Arbeit in dieser kritischen Lage speziell unterstützt werden kann. In der aktuellen Konjunktur ist eine möglichst breite Öffentlichkeitsarbeit besonders wichtig. Zu diesem Zweck haben wir die folgende kurze Zusammenfassung auf deutsch verfasst, damit sie im Namen der Kommission für Leben, Gerechtigkeit und Frieden der Diözese Quibdó so gut bekannt gemacht wird, wie es eben möglich ist. Darüber hinaus ist natürlich auch jede finanzielle Hilfe in dieser Situation willkommen, denn die vielen Fahrten, Versammlungen und Publikationen, welche im Moment erforderlich sind, sind in keinem Finanzplan oder Projekt vorgesehen. Wir danken allen, die sich mit der Sache der Atratogemeinden solidarisieren.
Herzliche Grüsse
Ursula und Uli
letzte Änderung: 06.03.2011
(seit 30.4.2001)
zur Verteidigung des Territoriums in Bojayá
Seit September 2003 setzte am Mittleren Atrato eine systematische Eroberung der Territorien der Indianer und Afrokolumbianer durch Paramilitärs des Block Elmer Cárdenas ein, die vordergründig als Bekämpfung der Guerrilla der FARC ausgegeben wird, welche seit Jahren in diesem Gebiet präsent ist. Das eigentliche, auch ausdrücklich von ihnen erklärte Ziel ist es allerdings, das Land zu besetzen und den Regenwald abzuholzen, um den Weg für agroindustrielle Grossprojekte wie Ölpalmenplantagen und extensive Rinderzucht zu ebnen.
Mit Duldung und oft sogar mit aktiver Unterstützung der offiziellen Streitkräfte brachten die Paramilitärs im Jahr 2004 die Flüsse Opogadó und Napipí im Gemeindebezirk Bojayá unter ihre Kontrolle. Die Basisorganisationen OREWA der Indianer und ACIA der Afrokolumbianer und die Diözese Quibdó versuchten im April desselben Jahres, durch einen offenen Brief an den Staatspräsidenten auf diese jeglichen rechtsstaatlichen Prinzipien widersprechende Situation aufmerksam zu machen. Doch der Brief fand kein Gehör.
Dieses Jahr erreichte der Eroberungszug der Paramilitärs den bevölkerungsreichsten Nebenfluss des Atrato, den Bojayá. Im Februar und März verliessen zweitausend Afrokolumbianer ihre Dörfer am unteren Bojayá und flohen nach Bellavista am Atrato, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Viertausend Indianer sind fest entschlossen, sich weiter in den Urwald zurückzuziehen, falls der Krieg bis in ihre Dörfer vordringt.
Damit hat die Entwicklung des Konflikts einen besonders kritischen Punkt erreicht. Denn wenn die Gemeinden des Bojayá die Kontrolle über ihr Territorium verlieren, dann steht die Zukunft der angestammten Territorien aller Gemeinden am Mittleren Atrato auf dem Spiel. Deshalb sahen sich die Basisorganisationen mit Unterstützung der Kirche einmal mehr vor der Aufgabe, durch eine Reihe von Aktionen nachdrücklich auf diese Problematik aufmerksam zu machen.
In der Woche vom 17. bis 24. April reiste eine achtköpfige Delegation nach Bogotá, um bei verschiedenen Ministerien und Aufsichtsbehörden des Staates, bei Parlamentariern, UNO-Büros, Universitäten und Menschenrechtsorganisationen die bedrohliche Lage der Gemeinden zur Sprache zu bringen.
Am 27. April veröffentlichten die Diözese Quibdó, ihre Nachbardiözesen Istmina-Tadó und Apartadó sowie die 47 im Interethnischen Solidaritätsforum Chocó zusammen-geschlossenen Basisorganisationen einen zweiten offenen Brief an Staatspräsident Uribe, der eine deutliche Verschlimmerung der im ersten Brief angezeigten Misstände feststellt und die Regierung auffordert, endlich konkrete Massnahmen zu ergreifen.
Für die Zeit vom 27. April bis zum 3. Mai luden die Organisationen der Indianer und Afrokolumbianer und die Diözese Quibdó zu einer Minga Interétnica im Gemeindebezirk Bojayá ein. In einer erstmalig in dieser Art durchgeführten Gemeinschaftsaktion sollten gleichzeitig möglichst alle Dörfer des Gemeindebezirks Bojayá von zahlreichen Delegierten der verschiedenen Menschenrechts- und Basisorganisationen besucht werden, die sich in den letzten Jahren mit dem gewaltfreien Überlebenskampf der Indianer und Afrokolumbianer am Atrato solidarisiert hatten.
Die Beteiligung an der Minga war sehr gut. Vom 28. bis 30. April fuhren neun Kommissionen mit insgesamt 138 Teilnehmern in alle Nebenflüsse des Gemeindebezirks Bojayá. Im anschliessenden Forum am 1. Mai berichteten sie über die katastrophalen Zustände, das Versagen des Staates, die Aggressionen der Guerilla und der Paramilitärs sowie über die Komplizenschaft des Militärs mit den letzteren. Auf der Grundlage dieser Berichte wurde eine gemeinsame Erklärung verfasst, die von 25 Organisationen und Institutionen unterzeichnet und am Tag darauf im Rahmen der Gedenkfeier zum dritten Jahrestag des Massakers von Bojayá in Gegenwart von Regierungsvertretern und hohen UNO-Delegierten verlesen wurde. In einem Theaterstück stellte eine Gruppe von Jugendlichen die herrschenden Misstände szenisch dar.
Diesmal war das Echo in den Medien überraschend gross. Die Fernsehnachrichten sendeten Reportagen und Interwievs, die Tageszeitungen von Bogotá und Medellín brachten ganzseitige Artikel mit Foto auf der Titelseite. Vertreter der Bischofskonferenz in Bogotá erklärten sich mit den Ortskirchen des Chocó solidarisch. Schon am 21. April erliess der Prokurador General de la Nación (Leiter der obersten Dienstaufsichtsbehörde) ein Dekret, welches anordnet, dass der Staatspräsident, die Minister für Inneres und Verteidigung und der Kommandant der Streitkräfte unverzüglich konkrete Massnahmen zu ergreifen haben, um die Sicherheit der Gemeinden am Atrato zu gewährleisten.
Präsident Uribe ordnete darauf hin eine Untersuchungskommission an, die allerdings nur aus Militärs besteht und bisher den Eindruck erweckt, vor allem den Wahrheitsgehalt der angezeigten Misstände in Frage zu stellen. Daher benötigen die Basisorganisationen und die Kirche im Chocó jetzt mehr denn je eine breite internationale Solidarität, damit die Wahrheit nicht vertuscht wird. Ein enorm wichtiger Beitrag dazu ist die gemeinsame öffentliche Verlautbarung der verschiedenen UNO-Büros in Bogotá vom 7. Mai, welche die Richtigkeit der Anzeigen bestätigt und den kolumbianischen Staat auffordert, seiner Verantwortung zum Schutz der Zivilbevölkerung in der Atratoregion nachzukommen.
Offener Brief an den Präsidenten der Republik (als PDF-Dokument)