Seelsorge-Gemeinschaft Bübingen, Güdingen und Brebach-Fechingen

Besuch im Chocó 2008

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22. Januar.

In Medellín kommt es zu einer ziemlichen Verspätung, so dass ich erst um 17.05 Uhr statt bereits gegen 14.00 Uhr in Quibdó ankomme, wo Uli mich erwartet. Dank des Mobiltelefons habe ich ihn von den Verzögerungen auf dem Laufenden gehalten, so dass er nicht unnötig am Flughafen warten muss. Im Haus von Uli und Ursula werde ich durch Bischof Fidel León Cadavid Marín begrüßt; später stellt sich auch Jesús Albeiro Para Solís ein, der Direktor der Sozialpastoral ist und uns schon mehrfach in Deutschland besucht hat. Die erläutern mir auch die Planung der nächsten 3 Tage: Über den Atrato wird die Reise nach Bojayá / Bellavista gehen, das ja wegen des Bombenattentats der FARC am 2. Mai 2002 (für kurze Zeit) international bekannt geworden ist; dazu sind weitere Besuche in der Gegend von Bellavista und Vigía del Fuerte vorgesehen. Auf diese Weise wollen mir Ursula und Uli einen besseren Eindruck der Vorgänge am mittleren Atrato vermitteln.

23. Januar.

Die Hähne des Nachbarn von Uli und Ursula krähen sehr schön, laut und vor allem sehr früh, so dass es kein Problem ist, rechtzeitig um 7.30 Uhr zum Frühstück mit Padre Albeiro fertig zu sein. Bei Kaffee und leckerem, von Ursula gebackenem Brot, kommt es zu einem kurzen Austausch mit Padre Albeiro zur politischen Situation. Danach treffen wir die Vorbereitung für die Fahrt nach Bellavista. Kurz vor 11.00 Uhr legen wir vom Steg des Colegio Antono Maria Claret, das direkt neben der Kurie und dem Bischofshaus liegt, Richtung Bellavista ab: Ursula, Uli, der Bootsführer Umberto und ich; schon nach knapp einer Stunde tut mir der Hintern weh - wir sitzen auf Gestellen in dem schmalen Boot, die aus Latten gefertigt sind. Die Fahrt führt vorbei an ärmlichen Hüttendörfern, die sich immer wieder links oder rechts entlang der Ufer des Atrato hinziehen und deren Bevölkerung offensichtlich afrokolumbianisch ist. Unterwegs treffen wir auf dem Fluss auf acht Militärkontrollen. Nur eines der Kommandos der Kontrollposten, die mit kleinen, schnellen Booten operieren, hatte außerhalb einer Ortschaft am Ufer fest gemacht; alle anderen ankerten inmitten von Ansiedlungen, was laut Uli verboten ist.

Gegen 17.30 Uhr kommen wir an unser Ziel: Bellavista ist ein Geisterdorf in Ruinen; die Kirche, Ort des Massakers, leer, könnte aber nationale Gedenkstätte werden. Nur das Haus der Ordensfrauen, in dem wir untergebracht sind, wird in dem einst knapp über 1000 Seelen zählenden Dorf noch bewohnt. Abbruch und Verfall überall; eine Brücke über den Caño Bojayá ist nicht mehr benutzbar. Das neue Bellavista ist 5 Minuten flussaufwärts mit 35 Milliarden Pesos neu errichtet worden. Morgen werden wir es besuchen, die neue Kleinstadt am Atrato, städtisches Zentrum des Bezirks Boyajá. Uli klärt mich auf, dass es wie üblich bei solchen Projekten zu Erpressung und Korruption gekommen ist: Die Bewohner von Bellavista sind vor die Alternative gestellt worden - entweder das neue Dorf oder nix; es bleibt der Verdacht, dass geldgeile Funktionäre sich ihre Scheibe vom großen Kuchen haben abschneiden können.

Abends gibt es für etwa zwei Stunden Strom; dann werfen die Schwestern den Generator an, der hinter dem Haus einen höllischen Lärm veranstaltet. Gegen 20.30 Uhr gehen die Lichter aus - Sprit ist teuer am Atrato. Und so liege ich erstmals in meinem Leben unter einem Moskitonetz und schreibe beim Schein einer Taschenlampe diese Zeilen.

24. Januar.

Die Schwestern Altagracia (vom Generalrat der Gemeinschaft), Mariela Galeano und Lucero bilden nicht das normale Team von Bellavista; die Schwestern, die sonst ganz bewusst an diesem Ort schrecklicher Erinnerung ausharren, brauchten dringend Urlaub und Abwechslung. Die nervliche Anspannung unter den Schwestern, die jetzt zur Erholung fort sind, hat in der Gemeinschaft einen Reflexionsprozess in Gang gesetzt, ob denn Bellavista nicht doch auch vom Orden aufgegeben werden sollte. Im Morgengrauen ist mit viel Lärm, den ich zwar vernehme, aber überhaupt nicht einordnen, kann, eine größere Anzahl von Militärs in Bellavista an Land gegangen. Es handelt sich um ein großes Kanonenboot, das den ganzen Tag über vor dem zerstörten Ort vor Anker liegen bleibt; der Ort selbst ist von Soldaten überschwemmt, denn gleichzeitig ist auch eine Truppe des Heeres eingetroffen. Ein Teil der Soldaten nächtigt in der Kapelle, andere in der Schule, dritte in den verbliebenen Privathäusern.

Nach dem Frühstück Uhr brechen wir, natürlich im Boot, nach Neu-Bellavista auf, wo wir schon am Ufer von Armando begrüßt werden, offenbar ein alter Bekannter von Uli und Ursula, der nach langer Krankheit wohl wieder auf dem Weg der Besserung ist. Neu-Bellavista verfügt über einige befestigte Straßen, die Häuser sind einheitlich aus Stein errichtet und machen einen sauberen Eindruck. Die örtliche Polizeistation gleicht einer Festung und scheint mir völlig überdimensioniert. In Líbano, einer Kleinstadt mit immerhin knapp 50.000 Einwohnern, ist die Polizeistation eher kleiner als hier im Urwald am Ufer des Atrato. Auch die Einrichtung der staatlichen Wohlfahrtsorganisation Bienestar Familiar ist augenfällig großzügig bemessen, wogegen sich die schräg gegenüber liegende Notaufnahme und das Hospital eher bescheiden ausnehmen. Im Haus von Armando schenkt man uns frischen Kaffee und zudem neueste Nachrichten ein: Auch Bernadina, Armandos Frau, mischt sich temperamentvoll ein, als die Frage auf die Besitzverhältnisse in Alt-Bellavista kommt. Grundsätzlich ist Grund und Boden im Chocó so genannter Kollektivbesitz, was von den Traditionen sowohl der afrokolumbianischen wie indigenen Gemeinschaften herrührt, die zu über 90 % die Bevölkerung des Chocó stellen. Dieser Kollektivbesitz kann unter keinen Umständen veräußert werden. Das gilt aber nicht für die Grundstücke in Alt-Bellavista; dort gehören die Grundstücke jetzt noch den alten Besitzern, die sie theoretisch verkaufen könnten - und darin liegt eine Gefahr: Dies könnte Paramilitärs und dunklen Geschäftemachern die Möglichkeit eröffnen, sich dort ganz legal einzukaufen und niederzulassen; dies trotz der Tatsache, dass auf die ursprünglichen Bewohner erheblicher Druck ausgeübt wurde, um sie zum Wegzug nach Neu-Bellavista zu bewegen unter Erweckung des Eindrucks, am alten Ort dürfe keiner verbleiben. In der kleinen Runde herrscht Einigkeit, dass möglichst rasch gehandelt werden müsse, um den alten Ort erneut als Gemeinschaftsterritorium zu vereinnahmen, damit die Kapelle mit der Zeit zu einer Gedächtnisstätte werden könne.

Beim weiteren Rundgang durch Neu-Bellavista erfahren wir, dass in wenigen Augenblicken der Cabildo Mayor (Großer Rat) Indígena de Bojayá zusammentreten wird; offensichtlich gibt es Anlass zu großer Sorge in einem der Resguardos, für die der Rat zuständig ist. Ursula und Uli werden direkt hellhörig; wir begeben uns zum Sitz des Rates, treffen dort dessen Angehörige, Domasco, Atanasio (der Vorsitzende) und José Luis, und nachdem geklärt ist, dass wir dabei sein dürfen, erfolgt zunächst ein Bericht: Eine Untersuchungskommission ist gerade vom Besuch der Gemeinschaft zurückgekehrt. Im Resguardo haben sich rund hundertzwanzig Soldaten eingenistet, ein Teil davon inmitten der Gemeinschaft; die Menschen, besonders die Alten und Kinder, sind völlig eingeschüchtert und verschreckt; die jungen Frauen verstecken sich, um nicht Opfer von Nötigung und Vergewaltigung zu werden. Vom Schrecken und von der Ungewissheit über die Konsequenzen der Anwesenheit des Militärs paralysiert gehen die Menschen nicht mehr ihren täglichen Verrichtungen nach, sondern bleiben vorsorglich in ihren Unterkünften. Das führt dazu, dass die Menschen Hunger leiden. Im Augenblick herrscht noch der feste Wille, nicht zu fliehen, die Option besteht notfalls aber.

Als Beratungsergebnis wird festgehalten: Es soll ein Aufruf an die Öffentlichkeit abgefasst werden, der am Sonntag bei Uli und Ursula in Quibdó abgeliefert wird; die beiden werden dann für die Verbreitung sorgen. Zuvor soll noch abgewartet werden, ob der Kommandant sein Wort gehalten hat, das er der Untersuchungskommission gegeben hat, und tatsächlich seine Truppe auf einen Abstand von 1 km zum Resguardo gebracht hat - das soll dann in dem Aufruf am Sonntag berücksichtigt werden. Zusammen mit dem Aufruf wird der Große Rat einen Bericht an die Alcaldia (Gemeindeverwaltung) von Neu-Bellavista, an Bienestar Familiar und die Acción Social mit Hinweis auf die prekäre Versorgung mit Lebensmitteln, den drohenden Hunger und die mögliche Flucht nach Bellavista geben in der Hoffnung, von dort rasch Unterstützung zuerhalten. Die ungefähre Zahl an Indígenas in der Region liegt bei 3.000, die sich auf rund 30 Gemeinschaften verteilen.

Wir setzen unsere Erkundung fort: Der Sektor, in dem das Rathaus steht, heißt sinniger Weise "El Vaticano"; im Rathaus ist offenbar ein hoher Militär zu Besuch - daher überall Miliär-Streifen, zuzüglich zu der eh überall anzutreffenden Polizei. Das erklärt auch zwei Militärboote, die im "Hafen" liegen; bemerkenswert zudem, dass zwei offenbar offizielle Fotografen durchs Dorf laufen und überall Aufnahmen machen; immer wieder sprechen sie mit den Angehörigen des Militärs, so dass für mich kein Zweifel besteht, dass sie was miteinander zu tun haben. Am Ufer am "Hafen" sitzt ein Landvermesser mit Blickrichtung über den Fluss; was er vermisst, weiß keiner. Ein wenig unterhalb davon waschen Frauen am Fluss, wie überall sonst auch, die Wäsche; eine Frau, vom Fluss auf dem Rückweg zu ihrem Heim, beklagt sich über die langen Wege. Uli erklärt mir: Normalerweise liegen die Dörfer entlang des Atrato-Ufers; der Lebensraum der Chocoaner ist auf beiden Seiten der Trennlinie zwischen Wasser und Land - der Fluss ist Straße, Lebensmittellieferant, "Wasch-maschine", Badezimmer und Klo.

Der Uferstreifen dient zur Errichtung der Hütten/ Häuser mit Schlafstätten und Küche, vielleicht kommt dazu noch ein Streifen Land hinter den Behausungen, um ein bisschen Kleinvieh zu halten oder auch Gemüseanbau zu treiben. Neu-Bellavista liegt zwar höher als das alte Dorf über dem Niveau des Flusses und ist damit sicherer vor Überflutungen, zieht sich aber weit ins Hinterland hinein - Fischer müssen jetzt ihren Bootsmotor teilweise 1 km weit schleppen, Frauen haben den gleichen Weg mit ihrer Wäsche...

Auf Nachfrage erklärt man mir, dass Neu-Bellavista am Schreibtisch in Bogotá geplant wurde, ohne die Bewohner in die Planungen mit einzubeziehen; Zustimmung zur fertigen Planung (mit schönen Modellen präsentiert) wurde eingeholt nach der Methode: "Wer ist dagegen?" Uli erläutert weiter: Die Neu-Ansiedlung wurde vom Staat/von der Regierung verordnet. Das Gelände dazu wurde für teures Geld von den Erben eines (inzwischen verstorbenen) Hacienda- Besitzers gekauft.

Zum Mittagessen sind wir zurück im Haus der Schwestern in Alt- Bellavista. Dann, kurz vor unserem Aufbruch nach Vigía del Fuerte, kommen Saulo y Hernán aus dem Dorf Pogue und Francisco aus dem Dorf Piedra Candela zu Besuch; beide Dörfer liegen am Rio Bojayá, der wenige Kilometer flussab von links in den Atrato mündet. Auch mit diesen beiden Sprechern ihrer afrokolumbinischen Gemeinschaften sprechen wir über das Thema der Rekollektivierung des Bodens in Alt-Bellavista. Die beiden greifen die Idee gerne auf und sagen zu, sich in ihren Gemeinschaften um eine Unterstützung zu kümmern. Nachmittags queren wir den Fluss und besuchen etwas weiter flussabwärts, aber noch in Sichtweite von Bellavista, den größeren Ort Vigía del Fuerte, der nicht mehr im Chocó, sondern bereits im Departamento Antioquia liegt. Wir besuchen Padre Mateo, einen Spanier aus Castilla y León, der als Steyler Missionar hier die Aufgabe des Pfarrers wahrnimmt. Auch hier gibt es wieder die präpotente Doppelpräsenz von Polizei und Militär.

Am Abend feiern wir Messe, mit Gitarre begleite ich die Lieder. Beim Predigtgespräch erinnert Uli noch einmal an die Idee, den alten Ort Bellavista in einen Wallfahrts- und Gedächtnisort umzugestalten. Er regt an, eine "Cofradia" ins Leben zu rufen, die sich um das Gedächtnis-Heiligtum kümmern soll (z.B. durch monatliche freiwillige Arbeit und regelmäßige Gottesdienste (mit und ohne Priester). Ich erinnere an einen Ort im Bistum Líbano-Honda, der gleichfalls für Tod und Verderben steht; 1985 kamen in Armero in Folge einer Lawine, die vom Ausbruch des Vulkans Nevado del Ruiz ausgelöst wurde, mehr als 20.000 Menschen zu Tode. Heute ist Armero eine nationale Gedenkstätte: Besonders am 13. November, dem Jahrestag der Katastrophe, kommen Kolumbianer aus allen Teilen des Landes, um der Verstorbenen zu gedenken. Und an einen weiteren Ort erinnere ich, diesmal in Deutschland: Nach meinem Wissen ist seinerzeit der Karmel an der NSHinrichtungsstätte in Plötzensee (Berlin) von den Ordensfrauen bewusst eingerichtet worden, um an der Stätte von Tod und Verderben ein Zeichen des Lebens zu setzen. Vielleicht, so mein Nachdenken, sollte auch der Orden von Schwester Altagrcia, Mariela und Lucero hier in Bellavista sowohl Hüter der Stätte des Gedenkens wie Mahnender zu Gunsten des Lebens an einer Stätte des Todes sein. Während der Messe stören verschiedene Soldaten, nur um Wasser zu bitten - das Ganze wirkt aufgesetzt; eine Projektleiterin von "Paz y Tercer Mundo", die am Abend eingetroffen ist, nicht aber an der Messe teilnimmt, wimmelt sie ab und gibt ihnen, was sie wollen. Vorher hatte Schwester Mariela bereits darauf hingewiesen, dass Soldaten sich nahe ans Haus ran schleichen (von der Küche her), um die Gespräche im Haus mitzukriegen. Das Kanonenboot liegt bei der Rückkehr von Vigía del Fuerte immer noch am Ufer; während ich diese Zeilen schreibe, dröhnt Diskolärm von Vigía del Fuerte über den Fluss herüber. Ein Gewitter überdeckt immer wieder mit knapper Mühe den Lärm.

25. Januar:

Nach einem frühen Frühstück brechen wir auf und machen uns auf den Rückweg nach Quibdó - noch einmal eine gewisse Strapaze für meine vier Buchstaben, aber zugleich auch wieder beeindruckend auf diesem unbekannten und doch so mächtigen Fluss. Hoch über dem Fluss grüßt von weitem schon die Kathedrale der Hauptstadt des Chocó.

Wenig später beim Rundgang durch Kurie und Kathedrale stelle ich fest, dass der Bau aus der Nähe deutlich hässlicher ist, als er von Ferne wirkt. Vom Dach der Kurie aus aber bietet sich ein Blick, der mir noch einmal den natürlichen Reichtum der Wasserwelt des Chocó vor Augen führt.

Aachen, März 2008, Stephan Miethke

letzte Änderung: 06.03.2011
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