Menschenrechte

Friedensgemeinde soll ausgehungert werden

Bonn, 24. April 2002 . Seit Ostern ist die Friedensgemeinde San José de Apartadó (Departement Antioquia, Nordwest-Kolumbien) verstärkt zur Zielscheibe paramilitärischer Aktivitäten in Kolumbien geworden, insbesondere einer Blockadetaktik, so dass die Friedensgemeinde heute (24. April) ohne Lebensmittel, Strom und Telefon ist.

Am 30. März (Karsamstag) wurde Rosa Graciano, Erzieherin im Kinderhort der Gemeinde und Mutter von acht Kindern, von Paramilitärs aus einem öffentlichen Bus heraus entführt und wenige Stunden danach ermordet aufgefunden. Rosa Graciano war Mitglied der Friedensgemeinde seit ihrer Gründung 1997. Das Verbrechen der Paramilitärs fand nur wenig entfernt von einer Straßenkontrolle statt, die Soldaten der 17. Armeebrigade am gleichen Tag und zur gleichen Uhrzeit durchführten. Rosa Graciano wurde von einer Ordensschwester auf dem Heimweg von der Stadt Apartadó in das Dorf San José de Apartadó begleitet, wobei sie Nahrungsmittel für den Kindergarten mitführten. Eine weitere Frau und Mitglied der Friedensgemeinde wurde ebenfalls verschleppt, konnte aber den Verbrechern entkommen.

Die schwer bewaffneten Paramilitärs warnten die Fahrer des öffentlichen Verkehrs, dass sie ermordet würden, falls sie weiterhin Lebensmittel in die Friedensgemeinde San José de Apartadó brächten. Diese Warnung wird in erschreckender Weise umgesetzt: Der Fahrer des Busses vom Karsamstag, Reynel Alvarez, wurde am 9. April bei einer Straßensperre der Paramilitärs kaltblütig durch fünf Schüsse ermordet. Am 12. April wurde an derselben Straßensperre auf der Landstraße von Apartadó nach San José de Apartadó der Fahrer Osiel Montoya ermordet. Am 16. April wurde der Chauffeur Gonzalo Trejo in seinem Haus in Apartadó, dem Zentrum der kolumbianischen Bananenanbauregion Urabá, umgebracht.

Am 23. April wurde bei einem Treffen im Bürgermeisteramt von Apartadó, bei dem Vertreter von kolumbianischen Zivil- und Militärbehörden, dem UN-Flüchtlingshilfswerk und einer kirchlichen Menschenrechtsorganisation zugegen waren, ein sofortiger Lebensmitteltransport in die Friedensgemeinde vereinbart. Dieser wurde danach mit dem Vorwand eines Motorschadens des LKWs ein weiteres Mal nicht durchgeführt. Die humanitäre Situation der Friedensgemeinde ist äußerst besorgniserregend, da sie durch die Blockade von der Außenwelt abgeschnitten ist und zunehmend unter der Lebensmittelknappheit, Stromausfall und Telefonausfall leidet.

Zum Hintergrund

San José de Apartadó hat sich im März 1997 als erste Gemeinde in Kolumbien zur "Comunidad de Paz", zur Friedensgemeinde, erklärt. Damals flüchteten sich mehrere hundert Bauernfamilien von den Weilern der näheren Umgebung vor den Angriffen von rechtsextremen Paramilitärs in den Dorfkern von San José. Das Bestreben der Friedensgemeinde ist es, auf Grundlage des Humanitären Völkerrechtes ihr Recht als Zivilbevölkerung zu verwirklichen, nicht in den bewaffneten Konflikt einbezogen zu werden. Die Mitglieder der Friedensgemeinde verpflichten sich, selbst keine Waffen zu tragen und den bewaffneten Gruppen (Paramilitärs, staatliche Sicherheitskräfte, Guerillagruppen) in keiner Form zuzuarbeiten. Sie verweigern jeglichen bewaffneten Akteuren den Zutritt auf das Territorium der Friedensgemeinde, das als solches gekennzeichnet ist. Von Beginn an forderte dieser Versuch des gewaltfreien Widerstandes zahlreiche Opfer: Über 80 Menschen der Friedensgemeinde wurden seit 1997 ermordet, die meisten von Paramilitärs, die sowohl von den regionalen Militär- wie auch Zivilbehörden direkt unterstützt oder zumindest geduldet werden. Durch die gegenwärtige Lebensmittelblockade, die kombiniert ist mit Morden an Mitgliedern der Gemeinde und Personen, die direkt oder indirekt die Friedensgemeinde unterstützen, soll die Friedensgemeinde zum Aufgeben gezwungen werden.

Die Gemeinde wird national von der kirchlichen Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz begleitet. Die internationale Friedensorganisation Peace Brigades International ist vor Ort präsent, zwei Freiwillige des US-amerikanischen Versöhnungsbundes befinden sich in dem Weiler La Unión, in dem Menschen aus dem Gemeindezentrum San José de Apartadó rückgesiedelt sind. Vier Bundestagsabgeordnete haben eine Schutzpatenschaft für diese "Insel des Friedens" übernommen.

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