Im Juni 2004 wurde die Diözese Quibdó wegen ihrer Verdienste um die Verteidigung der Menschenrechte von der Betlehem Mission Immensee und dem RomeroHaus Luzern mit dem Nord-Süd-Preis wider das Vergessen ausgezeichnet. Diese in der Pazifikregion im Nordwesten Kolumbiens gelegene Ortskirche sieht sich seit gut zehn Jahren mit einem Migrationsproblem ganz besonderer Art konfrontiert.
Kolumbien leidet schon seit Jahrzehnten unter einem Gewaltkonflikt, der in manchen Regionen kriegsähnliche Zustände angenommen hat und Massenvertreibungen unter der Landbevölkerung provoziert. Nach übereinstimmenden Statistiken der Kirche und der Vereinten Nationen sind bisher drei Millionen Kolumbianer als Binnenflüchtlinge registriert. Das sind fast 7 % der Gesamtbevölkerung. Die Tendenz ist steigend. Eine von diesem Flüchtlingsdrama überproportional betroffene Bevölkerungsgruppe sind die Afrokolumbianer, Nachkommen der während der Kolonialzeit aus Afrika verschleppten Sklaven. Die von ihnen besiedelten Territorien im tropischen Regenwald der Pazifikniederungen sind wegen der reichen Bodenschätze und der grossen Biodiversität eine begehrte Kriegsbeute. Der Anbau von Ölpalmen zur Gewinnung von Biotreibstoff hat bereits begonnen und soll als Monokultur im grossen Stil ausgebaut werden. Lizenzen zum Abbau von Gold, Platin, Kupfer und vielen anderen Mineralien sind schon dutzendweise von der Zentralregierung an multinationale Firmen vergeben worden. Für diese immensen Wirtschaftsinteressen ist die einheimische Bevölkerung natürlich nur ein Störfaktor. An ihrer Vertreibung sind allerdings paradoxerweise nicht nur die im Dienst der Investoren agierenden Paramilitärs und die mit ihnen verbündeten ofiziellen Steitkräfte sondern in vielen Fällen auch die angeblich für die Interessen des armen Volkes kämpfenden Guerillaorganisationen verantwortlich.
Von den 450 000 Einwohnern des Departements Chocó, in welchem die Diözese Quibdó liegt, sind 85 % Afrokolumbianer. Zigtausende von ihnen sind mittlerweile Opfer gewaltsamer Vertreibungen geworden. Genaue Statistiken zu erstellen ist kaum möglich, da neben den Aufsehen erregenden Massenfluchten eine ständige Fluchtbewegung von einzelnen Familien und Personen existiert, die sich kaum erfassen lässt. Diese enorme Krisensituation stellte die Diözese vor Herausforderungen, die mit den Strukturen des normalen Pastoralplanes nicht zu bewältigen waren. Daher wurde gleich im Jahr 1997 eine diözesane Kommision für Leben, Gerechtigkeit und Frieden gebildet, um den Opfern des Gewaltkonflikts, so gut es ging, zur Seite zu stehen. Die Priorität lag von Anfang an darin, die Widerstandskraft möglichst vieler Gemeinden zu fördern, trotz des Konflikts in ihrem Territorium auszuhalten oder, sobald es die Umstände erlaubten, wieder auf ihr Land zurückzukehren, was auch vielfach gelang. Trotzdem sahen sich viele Vertriebene gezwungen, endgültig eine neue Bleibe zu suchen, meist in den Randsiedlungen der Departementshauptstadt Quibdó. Ihre Zahl wird hier auf mindestens 17.000 geschätzt. Das ist bei einer Gesamtzahl von etwa 100.000 Einwohnern ein sehr hoher Prozentsatz.
Die Flüchtlinge stehen in der Stadt vor einer Vielzahl von Problemen nicht nur materieller Art. Durch die Erfahrung der Vertreibung wird die kulturelle und damit auch die religiöse Identität der Opfer erschüttert. Es ist nicht so, dass sie den Glauben an Gott verlören oder mit ihm haderten. Ihr tiefer Glaube an eine göttliche Vorsehung kommt auch in der grössten Not kaum ins Wanken. Die Vertreibung bewirkt vielmehr eine Zersetzung des Sozialgefüges, welches traditionell sehr stark von religiösen Gefühlen und Werten geprägt wurde, die teils aus der katholischen Erziehung teils aus dem afrikanischen Erbe kommen. Der Zerfall der Familien- und Dorfstrukturen, die bisher den fundamentalen Halt in der Gesellschaft darstellten, macht den afrokolumbianischen Menschen viel zu schaffen. Werte wie Gastfreundschaft, Ehrfurcht vor den Toten, Respekt vor dem Alter, Fürsorge für Witwen und Waisen, Kranke und Behinderte gehen immer mehr verloren. Dazu kommt für viele der Verlust des Lebenspartners oder der Kinder und für alle der Verlust des Lebensraumes, "der Erde in der ihre Nabelschnur begraben ist".
Einen Verwandten aufnehmen, wenn er mit leeren Händen vor der Tür steht, wird als eine selbstverständliche Verpflichtung im afrokolumbianischen Familienverband empfunden. Eine gesamte weitere Familie in den engen und ärmlichen Häusern, eher Hütten, für Monate oder selbst Jahre zu beherbergen, wird allerdings schnell zur Überforderung, zumal das Familieneinkommen auch dann geteilt werden muss, wenn keine Produkte aus dem eigenen Anbau mehr mitgebracht werden können. Obwohl die Einwohner Quibdós ebenfalls Chocoaner sind, die den gleichen kulturellen Hintergrund wie die Flüchtlinge haben, stösst die spontane Solidarität der ersten Tage schnell an Grenzen und schlägt oft in Diskriminierung um. Das Wort "Desplazado", Vertriebener, ist inzwischen zu einem Schimpfwort geworden. Das heilige Gebot der Gastfreundschaft, mit jedem, der ins Haus kommt, das Mahl zu teilen, geht in einem kleinlichen Vorrechnen unter, wieviele Pesos von den "ungebeten Gästen" verzehrt wurden oder es kommt zum Verstecken der Lebensmittel. Man wartet ab, bis der Gast das Haus verlässt, um dann heimlich in der Küche der Kernfamilie das karge Essen zu verteilen. Dieses Verhalten hinterlässt zwar Gewissensbisse, aber der Not gehorchend sieht man keine andere Lösung.
Der Verlust des Lebensraumes ist für die Menschen im Chocó wohl eines der schwierigsten Kapitel in der Vertreibungsgeschichte. Das Land, welches in vielen ihrer Lieder besungen wird, ist ja zuerst einmal nur die "zweite Wahl". Das ursprüngliche Land, Afrika, wurde ihnen mit Gewalt genommen, und nun, da sie wieder Wurzeln gefasst haben, werden sie erneut vertrieben, gewaltsam vertrieben. Es scheint keinen Raum für sie zu geben. Sie sind wieder Opfer der Gewinnsucht der "Weissen", die ihnen alles, was sie im Schweisse ihres Angesichtes für sich und ihre Familien erworben haben, entreissen. Das Territorium mit seinem Urwald, den Flüssen und Seen, welches ihnen Nahrung, Medizin in den Heilpflanzen, Material für den Hausbau und ihre Boote geliefert hat und in dem ihre Ahnen beerdigt sind, deren Geist sie beschützt, wurde durch grausame Gewaltakte entweiht. Unzählige Menschen wurden ermordet und verscharrt oder zerstückelt und in die Flüsse geworfen. Sie wurden nicht beerdigt, es gab keine Totenwache, keine Gebete, keine Verabschiedung, keine Zeremonie, um ihren Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Sie liegen nicht in geweihtem Boden sondern irgendwo in den Pflanzungen. Wie kann man sich von der Frucht dieser Erde weiter ernähren? Fragen, die in den Menschen weiterleben, Fragen, die ihnen schlaflose Nächte bereiten, Fragen, die sie aus dem Gleichgewicht bringen.
Witwen und Waisen standen in der afrokolumbianischen Gesellschaft gleich wie im Alten Testament unter einem besondern Schutz. Kinder ohne Eltern wurden bei nahen Verwandten an Kindes statt aufgezogen, hatten ihr Auskommen und erhielten ihr Erbe. Bestimmte Tätigkeiten wie zum Beispiel Brotbacken waren den Witwen vorbehalten, damit sie ihren Lebensunterhalt im Dorf verdienen und gleichzeitig ihre Kinder beaufsichtigen konnten. Wer kann heute, in einer Stadt in der es unter den Vertriebenen Tausende von Witwen und Waisen gibt, diese Regeln und Werte von früher garantieren? Jeder kämpft ums Überleben und kommerzielle Bäckereien lassen den Witwen keine Chance. Total überforderte Grossmütter haben nicht nur ein Waisenkind zum Aufziehen sondern müssen sich um Enkelkinder aus mehreren Familien gleichzeitig kümmern. Die Kinder wiederum spüren eine solche Leere, dass sie sich allem entziehen und auf der Strasse landen. Oft sind ihr einziger Halt die Jugendbanden, in denen sie sich zusammenschliessen als Ersatz für die Familie. Dort herrschen allerdings andere "Gesetze". Kleinkriminalität und Drogenkonsum sind in der Regel die einzige Möglichkeit, sich über Wasser zu halten. Die staatlichen Institutionen ignorieren dieses "Problem" und geschädigte Geschäftsleute bezahlen professionelle Killer, um die jugendlichen Bandenmitglieder aus dem Weg zu räumen. Unter dem Begriff "Soziale Säuberung" werden diese Morde gesellschaftlich immer mehr akzeptiert. Die Jugendlichen und oft auch Kinder, die eigentlich Opfer des Gewaltkonflikts sind und Anspruch auf Hilfe haben, werden als Gewalttäter und Asoziale definiert. Konzepte wie Strassensozialarbeit oder Friedenarbeit mit benachteiligten Jugendlichen spielen hier lediglich in der Pastoral der Diözese Quibdó eine Rolle. Der Werteverfall, der sich in der Missachtung des menschlichen Lebens manifestiert, gibt zwar vielen Menschen zu denken. Kollektive Schuldgefühle finden ihren Ausdruck in den szenarisch dargestellten Umzügen anlässlich des Sankt Franziskus Festes, das jährlich in Quibdó stattfindet. Gleichzeitig aber nehmen die "Säuberungsaktionen" gerade im Vorfeld dieses Festes, das viele Touristen nach Quibdó lockt, noch deutlich zu.
Der Verlust von nahestehenden Angehörigen durch Gewalt, vor allem von Kindern, für die man eine Verantwortung trug, hinterlässt bei vielen Müttern und Grossmüttern ein enormes Schuldgefühl. In ihrer Trauer machen sie sich selbst Vorwürfe, die Gefahr, in der ihre Kinder standen, nicht erkannt zu haben, weil die Sorge um den täglichen Unterhalt sie zu sehr in Anspruch genommen hatte. Da sie sich selbst als Schuldige fühlen, ist auch der innere Widerstand gross, die Morde zur Anzeige zu bringen. Viele wären durchaus bereit, dafür für das eigene Leben zu riskieren., wäre nicht die Sorge, wer sich dann um die überlebenden Kinder kümmern würde, und die Angst, damit die Ermordung weiterer Angehöriger zu provozieren. Auch der Glaube an eine göttliche Gerechtigkeit schafft solche Gewissenskonflikte nicht aus dem Weg.
Der gewaltsame Tod des Lebenspartners ist für die meisten Frauen traumatisch. Obwohl sie in der Tradition der afrokolumbianischen Familie sowieso immer die Hauptlast der Erziehung der Kinder und die Verantwortung für den Haushalt zu tragen hatten, stehen sie nun vor einer Aufgabe, die sie kaum bewältigen können. Es scheint, als ob diese Frauen ohne Partner nur noch halbe Frauen sind. Sie arbeiten und sorgen für den Unterhalt der Familie, aber ihr eigenes Leben kommt zu kurz. Die Trauer um den Partner, die erlebte Gewalt und sehr oft die Leere, ihren Mann nicht einmal beerdigt haben zu können, lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Manche Witwen, deren Partner in die Hände einer der bewaffneten Gruppen fiel, dessen Leiche sie jedoch nie zu Gesicht bekamen, gestehen sich selbst nach mehr als zehn Jahren keine neue Partnerschaft zu. Da ein sichtbares Abschiednehmen durch Totenwache, Beerdigung und Totennovene nicht erfolgte, ist in ihren Augen der Geist des Verstorbenen stets präsent. Auch diejenigen Frauen, die nach Jahren wieder eine Partnerschaft eingehen, gelangen selten zu einer neuen glücklichen Beziehung. Die Aussage: "Ich habe zwar einen Partner, aber meine Liebe ist gestorben", ist von vielen zu hören.
Alte Menschen, Kranke und Behinderte hatten in der traditionellen Dorfstruktur ihren Platz und wurden respektiert und von der Gemeinschaft mitgetragen. Nun hat der Gewaltkonflikt die Zahl dieser Personengruppen enorm in die Höhe getrieben und gleichzeitig die wirtschaftliche Grundlage der Gemeinden deutlich geschwächt. Selbst in den Landgemeinden gibt es mittlerweile viele unversorgte Alte und Kranke, von der Anonymität in den Städten ganz zu schweigen, wo vor allem die Zahl der psychisch Kranken, die verwahrlost auf den Strassen umherirren, erschreckend zugenommen.hat. Mit ansehen zu müssen, wie eine durch Jahrhunderte gut funktionierende Solidargemeinschaft in kurzer Zeit auseinanderbricht, verletzt die religiösen Gefühle vieler Menschen, die ihre Werte keineswegs verloren haben und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten oft bis an die Grenze des Zumutbaren einsetzen.
In der Friedensarbeit der Diözese Quibdó, die sich am christlichen Selbstverständnis ausrichtet, wird das Auseinanderbrechen der traditionellen Sozialstruktur der afrokolumbianischen Gemeinden und der damit einhergehende Werteverfall mit Sorge registriert. Da der bewaffnete Konflikt jedoch entgegen aller ofiziellen Darstellungen keineswegs entschärft ist, sondern nach wie vor immer neue Opfer fordert, steht die Aufarbeitung dieser Problematik noch in weiter Ferne. Mit kurzfristigen Projekten ist da nichts zu machen. Auch wenn der Krieg eines Tages zu Ende geht, wird die psychosoziale und spirituell-religiöse Begleitung der Opfer noch viele Jahre erfordern.
Ursula Holzapfel, Ulrich Kollwitz, Mitarbeiter der Kommission für Leben, Gerechtigkeit und Frieden der Diözese Quibdó
letzte Änderung: 06.03.2011
(seit 30.4.2001)