Seit dem Abbruch der Friedensgespräche hier in Kolumbien haben wir viele Anfragen bekommen, wie es uns geht und vor allem, wie wir die Lage jetzt einschätzen. Hier im Chocó hat sich bisher nichts grundlegend verändert. Die Lage ist nach wie vor gespannt. Ein paar Tage war die Stadt Quibdó ohne Strom, weil ein Strommast von der Guerilla gesprengt wurde, aber das kam hier auch früher schon vor. Und die Dörfer sind ja sowieso ohne Stromanschluss. Neu ist, dass seit einigen Tagen das Militär hier in Quibdó Fluss- und Strassensperren einrichtet und Lebensmitteltransporte einschränkt, angeblich, um die Guerilla auszuhungern. Es trifft jedoch wieder einmal nur die arme Landbevölkerung, deren Grundrechte willkürlich missachtet werden. Die Basisorganisationen sind dabei zu überlegen, wie sie am besten gegen diese offensichtliche Menschenrechtsverletzung vorgehen. Was die allgemeine Einschätzung zur neuen Lage in Kolumbien angeht, Schicken wir euch den folgenden Artikel aus der vierzehntäglich erscheinenden kleinen aber sehr guten Zeitschrift "Actualidad Colombiana", die in der Schweiz unter dem Namen "Kolumbien Aktuell" regelmässig ins Deutsche übersetzt und per E-mail verschickt wird. Wir halten diesen Artikel für die beste Zusammenfassung dessen, was zur Zeit hier geschieht.
Vielen Dank für euer Interesse und eure Solidarität mit dem kolumbianischen Volk.
Herzliche Grüsse
Ursula und Uli - Equipo Misionero de Justicia y Paz, Quibdó
No. 331 - 6. März 2002
Am 20. Februar 02, um 21 Uhr, richtete sich Präsident Pastrana an das Land und kündigte den Abbruch des Verhandlungsprozesses mit der FARC an. Dies rückt die Möglichkeit einer politischen Lösung des bewaffneten Konfliktes in weite Ferne.
Regierung wie die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC meinen die Legitimität zum Krieg zu haben und ihre Bemühungen zur Suche politischer Alternativen beiseite lassen zu können. Beide sind ebenso davon überzeugt - oder sagen dies zumindest - in der Lage zu sein, den Krieg zu gewinnen und setzen alle Mittel - kriegerische und propagandistische - dafür ein um dies zu untermauern.
Die Massenmedien verteidigen - wie es logisch ist - die Institutionalität und machen es sich zur Aufgabe, Elemente hervor zu heben, welche die Regierung stützen oder jene zu entkräften, die der staatlichen Politik entgegen laufen. So stieg innert weniger Stunden die Popularität von Präsident Pastrana von 20% auf über 70%. Dies ist mehr als der Popularitätsgrad des Präsidentschaftskandidaten Alvaro Uribe Vélez, der nur von einem Thema sprach: Der Beendigung der Entspannungszone und der Forderung nach ausländischer Militärintervention. Und Uribe Vélez spricht weiter davon, obwohl Presseberichte die Präsenz hoher US-Offiziere aufgezeigt haben, und er fordert die Bildung eines Heers aller KolumbianerInnen. ?Eine Armee von 40 Mio. KolumbianerInnen ist unbesiegbar!?, meinte in seiner Rede auch Präsident Pastrana und wiederholte dies genau gleich eine Woche später. Damit bekräftigte er, dass die Positionen polarisiert sind - gleich wie bei US-Präsident Bush, der nach dem 11. September meinte, ?man ist mit uns oder mit dem Terrorismus?.
In seinen Fernsehansprachen vom 20. und 27. Februar versuchte Pastrana aufzuzeigen, dass er nicht nur die Legitimität hat, um den Krieg zu führen, sondern auch, dass der Gegner diese nicht hat. Und die FARC machte ihrerseits das selbe.
Nach der Präsentation von Satellitenaufnahmen - aufgezeichnet von US-Flugzeugen - , der Auflistung terroristischer und militärischer Anschläge der FARC und der Hervorhebung seiner eigenen Friedensanstrengungen, meinte Pastrana entschieden: ?Aus politischer Sicht haben wir der FARC die grösste Niederlage in ihrer Geschichte zugefügt und erreicht, dass die Guerilla die wenige Unterstützung verloren hat, welche sie in den mehr als 30 Jahren ihrer Existenz auf sich vereinen konnte.? Und er schlussfolgerte: ?Sie (die FARC) selber hat sich einen politischen Raum in unserem Land verwehrt.?
Die FARC beeilte sich ihrerseits, dies zurück zu weisen und zu sagen, dass nicht sie die Schuldigen sind, sondern die Regierung. Und die FARC machte dies inmitten ihres militärischen Rückzugs aus der Entspannungszone. Die FARC hatte bereits seit Ende Januar 02 mit dem Abzug aus der Zone begonnen und nur noch weniger als 1000 Kämpfer dort zurück gelassen, die nun auch wieder zum Kampf zurück kehren.
Die FARC meinte: ?Das liberal-konservative Zweiparteiensystem vereinigt
sich in einer in der Geschichte Kolumbiens noch nie da gewesenen
Zweckehe dazu, noch mehr Blut der Streitkräfte zu fordern. Streitkräfte,
die eine der Grundlagen des Staatsterrorismus in diesem
lateinamerikanischen Land sind.?
Oder mit anderen Worten: Die FARC, vom Staat als Terroristen bezeichnet,
bezeichnen ihrerseits den Staat als Terroristen.
Nicht eingehaltene Abmachungen Die Argumente der einen wie der anderen Seite sind insofern gültig, wenn sie nur als Teil präsentiert werden, nicht aber in ihrem Kontext. Die Regierung kritisiert die FARC der Ausweitung des Krieges und der Verwendung terroristischer Methoden, ?welche auf 117 Anschläge allein in den letzten 30 Tagen stiegen. Vier Autobomben; fünf Anschläge auf Installationen; sieben Minenfelder; die Tötung von 20 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder; die Sprengung von 33 Stromleitungsmasten, zwei Erdölleitungen und drei Brücken unter anderen Akten der Barbarei?, sagte Pastrana.
Was für die Regierung das Glas zum Überlaufen brachte, war die Entführung eines ACES-Flugzeuges, um den Senator Eduardo Gechem Turbay zu entführen. Um diese Entführung vollziehen zu können, musste die FARC eine weitere Verletzung des humanitären Völkerrechts begehen, denn das Zivilflugzeug war auf einem Linienflug und nur von Zivilisten besetzt.
Auch die FARC führt Argumente ins Feld: Die Regierung habe ihr
Versprechen den Paramilitarismus zu bekämpfen nicht eingehalten noch das
neoliberale Wirtschaftsmodell aufgegeben, welches die Ärmsten in
Mitleidenschaft zieht.
Beweis für die ausbleibende Bekämpfung des Paramilitarismus ist z.B. das
Vorgehen des Generalstaatsanwalts im Fall von Ex-General Rito Alejo del
Río. Der Generalstaatsanwalt ordnete dessen Freilassung an und entliess
die Staatsanwälte, welche gegen den General ermittelt hatten. In Bezug
auf das neoliberale Wirtschaftsmodell wollten die FARC in ?unschuldiger
Weise? eine Revolution per Dekret machen oder eine Entschuldigung bereit
halten, um die Regierung zu delegitimieren, falls der Friedensprozess
scheitern sollte, wie es nun auch effektiv der Fall ist.
Noch überraschender war jedoch der Name, welchen die Streitkräfte der Operation zur Rückeroberung der ehemaligen Entspannungszone gaben: Thanatos, Gott des Todes, der Eliminierung des Gegners. Damit wird dem Präsidentschaftskandidaten Luis Eduardo Garzón recht gegeben, welcher Regierung und Guerilla beim Treffen nur eine Woche vor dem Abbruch der Gespräche warnte, falls die Verhandlungen abbrechen würden, würden die nächsten Gespräche ?inmitten einer Million von Toten? stattfinden.
Während mehr als drei Jahren hatte Kolumbien die Möglichkeit einen Weg zu finden, der dem ältesten bewaffneten Konflikt der westlichen Hemisphäre ein Ende bereiten sollte. In den letzten Monaten und innerhalb einer Wahlkampagne für die kommenden Kongresswahlen vom 10. März und den Präsidentschaftswahlen im Mai, kam es zu einer völligen Kehrtwendung, dies vor allem nach der Entführung der Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancur und der Ermordung der liberalen Senatorin Martha Catalina Daniels am Sonntag, 3. März 02 durch die FARC.
Es sind verschiedene Faktoren, welche dazu geführt haben, dass sich die Chance zum Frieden in eine Möglichkeit zum Krieg verwandelt hat. In der momentanen Wahlkampfzeit ist - im Gegensatz zu vor vier Jahren - das Hauptthema nicht ein möglichst kohärenter Friedensvorschlag, sondern der Aufruf zum Krieg.
In erster Linie hatte die neue internationale Ausrichtung nach den Ereignissen des 11. September als Haupteffekt, null Toleranz zur Suche von Verhandlungslösungen und im Gegenteil die Stärkung von Lösungen der Gewalt von Seiten der internationalen Gemeinschaft, dies insbesondere in jenen Bereichen, welche für die Interessen der USA in dieser neuen Etappe des Kampfes gegen den Terrorismus von vitaler Bedeutung sind. Dies umso mehr, als für breite Kreise die Verbindung zwischen Guerilla und Drogenhandel das gleiche Phänomen darstellen. Dies bedeutet im Fall Kolumbiens die Legitimation des Plan Colombia und der Andeninitiative gegenüber der nationalen und internationalen öffentlichen Meinung, insbesondere deren Hauptstrategie, die Rückerlangung der Hegemonie der USA über die Andenländer unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung.
In Kolumbien selber war das Hauptargument zur Delegitimierung der Verhandlungslösung die dürftigen Resultate dieser Verhandlungen mit der FARC und die andauernden Schwankungen bei der Eröffnung eines sicheren Friedensprozesses mit der Nationalen Befreiungsarmee ELN. Mit beigetragen haben auch die ständige Sabotage durch die Paramilitärs, welche mit Blut und Feuer den Prozess zum Stillstand brachten und das wenige oder viele Vertrauen untergruben, das die beiden Seiten am Verhandlungstisch aufzubauen vermochten.
Das politische Kapital, welches die Verhandlungen gegenüber dem Land besass, trat in einen langsamen aber sicheren Erosionsprozess, denn nie wurde der Schritt von den Vorgehensfragen zu den eigentlichen Verhandlungspunkten vollzogen. Zusammengefasst, in diesen drei Jahren wurden wir Zeugen einer alten Form von Verhandlungen, welche darin besteht, Verhandlungen zu führen, jedoch ohne nach zu geben. Es ist klar, was daraus entsteht, ist ein formeller Dialog, bei dem keine der Seiten bei strategischen Punkten nachgibt, die zur Erreichung ihrer Ziele wichtig sind, noch auf ihre vitalen Interessen verzichtet.
Zudem waren die wirtschaftliche Rezession und die neoliberalen Massnahmen von Präsident Pastrana zweifellos nicht das beste Szenario um bei politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhandlungen voran zu kommen, wie es die Guerilla vorschlug. Im Gegenteil, die beiden Seiten entfernten sich dadurch in diesem Aspekt der Verhandlungsagenda immer weiter voneinander.
Die einzige Form, welche der Verhandlungstisch kannte, um entscheidende soziale und wirtschaftliche Aspekte anzuhören, waren die sogenannten öffentlichen Anhörungen, welche zu unbrauchbaren Übungen verkamen: Einerseits beteiligte sich die Regierung nicht daran und andrerseits hatten sie keine Auswirkungen auf den Verhandlungstisch, noch wurden sie systematisiert oder von den Verhandlungspartnern sonst wie behandelt. Zusammengefasst: Sie belegten den bilateralen und ausgrenzenden Charakter der Verhandlungen, welche in diesen drei Jahren die Regierung und die FARC in Bezug auf den Miteinbezug der sog. Zivilgesellschaft in die Verhandlungen praktizierten.
Damit wurde einmal mehr die Chance vertan, ein politisches Abkommen zur Beendigung des Krieges in Kolumbien zu erreichen. Die erwähnten strukturellen und konjunkturellen Faktoren, insbesondere jedoch die knausrige Haltung beider Seiten haben vielleicht für eine lange Zeit die Waage zugunsten des Krieges verschoben.
Aufgrund des Abbruchs des Verhandlungsprozesses haben die NGO zum zivilen Widerstand und zu einem Nationalen Friedenskongress aufgerufen.
Am vergangenen 20. Februar entschied sich Präsident Pastrana nicht nur zum Abbruch des Verhandlungsprozesses mit der FARC und zur Aufhebung der Entspannungszone, sondern damit auch zur Auflösung der öffentlichen Anhörungen, bei denen die Zivilgesellschaft teilgenommen hatte und bei denen über die Spielregeln bei den Verhandlungen debattiert worden war.
Die Erklärungen waren Ausdruck der beängstigenden und mächtigen Haltung der Regierung, um das Wenige, was noch an Friedenswillen vorhanden war, beiseite zu räumen, und so den Weg für einen endgültigen und stolzen Krieg freizumachen. Dieser konkretisierte sich in einem militärischen Eingriff mit Bombardierungen und selbst der Zerstörung von Urwald und forderte bereits unschuldige Opfer im Namen des Friedens.
Die sozialen Organisationen, welche das Leben und den Frieden der KolumbianerInnen verteidigen, rufen die Zivilgesellschaft zu zivilem Widerstand gegen den Krieg auf und appellieren an die internationale Gemeinschaft dazu beizutragen, dass ein bevorstehendes Blutvergiessen in dem Gebiet des Caguán verhindert werden kann.
?Erneut haben die Feinde des Friedens mit sozialer Gerechtigkeit gesiegt. Einmal mehr zwingen sie dem Land ihre Sprache und ihre Kriegsaktionen auf. Gegen die mit Beteiligung der internationalen Gemeinschaft und den guten Diensten der UNO erreichten Abkommen, welche die Demilitarisierung der Entspannungszone ermöglichten, optierte Präsident Andrés Pastrana für den schlimmsten Weg, die Beendigung des Verhandlungsprozesses zwischen der Regierung und den Aufständischen der FARC. Dies auch entgegen der Ankündigung der beiden Seiten, Annäherungen voranzutreiben, um ein Abkommen über einen Waffenstillstand und die Einstellung der Feindseligkeiten zu ermöglichen?, betont die nicht-staatliche Organisation ANDAS (Nationale Vereinigung Solidarischer Hilfe).
Die KolumbianerInnen müssen nun auf ziellose Bombardierungen, die Vertreibung von Hunderten von Bauern, Tod und Verschwindenlassen im Namen des Friedens und in der Folge auf eine humanitäre Krise gefasst sein.
Für die sozialen Organisationen ist der Abbruch der Verhandlungen nur ein Rauchschleier, welchen die Regierung dazu verwendet, um die sozialen Probleme des Landes zu verdecken, welche sie während 30 Jahren nicht zu lösen vermochte. Die kolumbianische Regierung will den Frieden, jedoch nicht über Verhandlungen und Friedensprozesse, sondern durch Tod und militärische Interventionen.
Die Zivilgesellschaft verlangt von beiden Seiten die Respektierung und den Schutz der Bevölkerung in den Konfliktzonen und die Wiederaufnahme der Verhandlungen.
Die Tausenden von Bomben, die nun auf kolumbianischen Boden niedergehen werden, werden nichts anderes als Elend und Schmerz für die Ausgeschlossenen von immer bringen: Die Bauern. Dies ist auch bereits in den letzten Tagen im Dep. Arauca, in der Region Catatumbo und am Oberlauf des Naya-Flusses geschehen. Damit werden bedauerlicherweise die Absichten des Plan Colombia Realität.
Die Bevölkerung der fünf Gemeinden der Entspannungszone, in der die Verhandlungen zwischen der Regierung Pastrana und der FARC stattfanden, hat Angst. Vor drei Jahren war das Gebiet als ?Friedenslaboratorium? proklamiert worden, heute ist es ein Kriegslaboratorium.
Als Präsident Pastrana den endgültigen Abbruch des Verhandlungsprozesses mit der FARC bekannt gab und den unverzüglichen Einmarsch der Armee in die demilitarisierte Zone anordnete, verlangten die sozialen Organisationen, die NGO, die Bürgermeister der fünf Gemeinden der Entspannungszone und die Bauern der Region von der Regierung, alle notwendigen Massnahmen zu treffen, um das Leben der Bevölkerung zu garantieren.
Mit dem Abbruch der Verhandlungen sind zwei Besorgnisse der Bevölkerung des einstigen ?Friedenslaboratoriums? verbunden: Erstens, die Auswirkungen der Rückeroberungsaktion der Armee in Bezug auf Vertreibung und mögliche zivile Opfer; zweitens, dass die Bevölkerung zur Zielscheibe der Paramilitärs wird.
Intensive Bombardierungen wurden in den ländlichen Gebieten der Gemeinden San Vicente del Caguán (Dep. Caquetá), La Uribe, Mesetas, Vista Hermosa und Macarena (Dep. Meta) durchgeführt mit dem Ziel, die Entspannungszone wieder zu besetzen. Diese Angriffe haben vier Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Zwei Erwachsene und zwei Kinder kamen im Weiler Rubí in der Gemeinde San Vicente del Caguán ums Leben und Bauern wurden in die städtischen Zentren vertrieben.
Zwischen dem 22. und 24. Februar 02 kamen 132 Vertriebene nach San Vicente del Caguán. Diese sind in Flüchtlingslagern untergebracht. Eine vertriebene Frau meinte: ?Die Militärflugzeuge greifen alles an, was sich auf dem Feld bewegt.? Gegen 1000 Personen sind in Richtung verschiedener Städte auf der Flucht: nach Neiva, der Hauptstadt des Dep. Huila; Florencia, Hauptstadt des Dep. Caquetá und Villavicencio, Hauptstadt des Dep. Meta.
Der Gemeinderat von San Vicente del Caguán verlangte, dass der UNO-Vertreter in Kolumbien und die Botschafter der befreundeten Länder, welche den Friedensprozess begleiteten, in der Region präsent sein sollen, um die Integrität der Bevölkerung zu garantieren.
Der Zugang zur Zone ist jedoch schwierig. Eine Mission der Ärzte ohne Grenzen konnte nicht in die Zone gelangen und man weiss, dass im Spital von San Vicente del Caguán die notwendigen Mittel und Medikamente fehlen, keine Elektrizität und keine Telefonverbindungen vorhanden sind.
Dies ist die Situation der Bevölkerung in den fünf Gemeinden der einstigen Entspannungszone. Die Bevölkerung ist weiterhin besorgt über die Auswirkungen der Bombardierungen. Die Garantien, welche Präsident Pastrana versprach, um der Bevölkerung Ruhe und Sicherheit zu garantieren, sind bereits in Zweifel gezogen und die Angst vor einem möglichen Einmarsch der Paramilitärs besteht weiterhin.
Aufgrund der Kriegseuphorie in Kolumbien, bringen wir einen Artikel, welcher 1985 im Kontext des Krieges zwischen Argentinien und England um die Malvinen vom kolumbianischen Philosophen Estanislao Zuleta geschrieben wurde.*
Ich denke, dass das Wichtigste bei der Bekämpfung des Krieges ist, sich
keine Illusionen über den Charakter und die Möglichkeiten dieser
Anstrengungen zu machen.
Vor allem dem Krieg nicht - wie es bisher praktisch sämtliche
pazifistische Tendenzen gemacht haben - ein Reich der Liebe und des
Überflusses, der Gleichheit und des Gleichseins, eine soziale Entropie
gegenüber zu stellen.
In Wirklichkeit geht es dabei um die Idealisierung der sozialen Gemeinschaft im Namen Gottes, und wie es Dostojewski sagte, ist deren vollständige Formel ?Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit ... des Todes?. Um den Krieg mit einer entfernten, aber realistischen Möglichkeit zu bekämpfen, ist es notwendig, mit der Anerkennung des Konfliktes und der Feindschaft zu beginnen. Dies sind derart grundlegende Eigenschaften sozialer Beziehungen, wie die gegenseitige Abhängigkeit selber, der Begriff einer harmonischen Gesellschaft steht damit im Widerspruch. Die Eliminierung der Konflikte und ihre Auflösung in einem herzlichen Zusammenleben ist kein erreichbares, noch wünschbares Ziel; dies weder im persönlichen Leben - in der Liebe und in der Freundschaft - noch im kollektiven Leben.
Es ist im Gegenteil wichtig, einen sozialen und legalen Raum zu schaffen, in dem die Konflikte sich zeigen und entwickeln können, ohne dass die Opposition gegen den Anderen zur Auslöschung des Anderen führt, zu seiner Tötung oder zu seiner Entmachtung oder zu seinem Zum-Schweigen-bringen. Es stimmt, dass dazu die Überwindung der antagonistischen Widersprüche zwischen den Klassen und den Machtbeziehungen zwischen den Nationen ein wichtiger Schritt darstellt. Doch damit ist es nicht genug und es ist sehr gefährlich zu glauben, dass dies genügt.
Denn dann ginge es unausweichlich darum, alle Differenzen, Oppositionen und Konfrontationen auf eine einzige Differenz, eine einzige Opposition und eine einzige Konfrontation zu reduzieren, die internen Konflikte zu negieren und sie auf einen externen Konflikt zu reduzieren; mit dem Feind, mit dem anderen Absoluten: der anderen Klasse, der anderen Religion, der anderen Nation. Doch genau dies ist der intimste und effizienteste Mechanismus des Krieges, denn er schafft die Glückseligkeit des Krieges.
Die verschiedenen Arten des Pazifismus sprechen im Überfluss von den Schmerzen, dem Leiden und den Tragödien des Krieges - und dies ist gut so, obwohl dies niemand abspricht - aber sie pflegen diesen anderen, nicht zugegebenen und derart entscheidenden Aspekt zu verschweigen, nämlich die Glückseligkeit des Krieges. Wenn man dem Menschen das Schicksal des Krieges ersparen will, muss man damit beginnen, die ernste Wahrheit eindringlich zu bekennen: Der Krieg ist ein Fest. Fest der Gemeinschaft, endlich geeint in der tiefsten aller Verbindungen, das Individuum ist endlich aufgelöst in der Gemeinschaft und von seiner Einsamkeit, seiner Verschiedenheit und seinen Interessen befreit, fähig alles zu geben, selbst das Leben. Ein Fest, sich bestätigen zu können ohne Schatten und Zweifel gegenüber dem perversen Feind, kopflos zu glauben, Recht zu haben und noch kopfloser zu glauben, dass wir mit unserem Blut Zeugnis der Wahrheit geben können.
Wenn man dies nicht in Betracht zieht, dann scheint die Mehrheit der Kriege extrem irrational, denn alle kennen im Voraus die herrschende Unverhältnismässigkeit zwischen dem angestrebten Wert und dem Wert dessen, was man zu opfern bereit ist. Wenn Hamlet sich Vorwürfe wegen seiner Unentschlossenheit in Bezug auf ein scheinbar klares Unternehmen, das er vor sich hatte, macht, sagt er: ?Während ich zu meiner Schande die sofortige Auslöschung von zwanzig Tausend Männern sehe, die wegen einer Laune, wegen eines sterilen Ruhms ins Grab wie in ihr Bett gehen, für eine Sache kämpfend, welche die Masse unfähig zu verstehen ist, und für ein Territorium, das nicht ausreicht, um so viele Leichen zu begraben...? Wer weiss nicht, dass dies oft der Fall ist? Man muss sagen, dass die grossen, feierlichen Wörter: die Ehre, das Vaterland, die Prinzipien, immer dazu dienen, den Wunsch zu rationalisieren, sich diesem kollektiven Rausch zu übergeben.
Die Regierungen wissen dies und um die internen Unstimmigkeiten und Schwierigkeiten zu verneinen, zwingen sie ihren Untertanen die Einheit auf und zeigen ihnen, wie Hegel sagte, die Figur des absoluten Herrschers: des Todes. Sie stellen sie vor die Wahl zwischen der Solidarität und der Niederlage. Zweifellos ist der Tod der argentinischen jungen Männer und der Schmerz ihrer Herren und jener der englischen jungen Männer und der Schmerz ihrer Herren traurig; aber es ist vielleicht noch trauriger, die momentane Freude des argentinischen Volkes, vereint hinter Galtieri und jene des englischen Volkes, geeint hinter Margaret Thatcher, zu sehen. Wenn jemand einwenden sollte, dass die vorherige Anerkennung der Konflikte und der Differenzen, ihrer Unvermeidlichkeit und ihrer Angebrachtheit, das Risiko in sich bergen würde, in uns die Entschiedenheit und den Enthusiasmus im Kampf für eine gerechtere, organisiertere und vernünftigere Gesellschaft zu lähmen, so würde ich ihm entgegnen, dass für mich eine bessere Gesellschaft eine Gesellschaft ist, die fähig ist, bessere Konflikte zu haben, diese anzuerkennen und diesen Einhalt zu gebieten. Nicht trotz dieser Konflikte zu leben, sondern in produktiver und intelligenter Weise mit ihnen. Nur ein skeptisches Volk in Bezug auf das Fest des Todes und reif für Konflikte ist ein Volk, das reif ist für den Frieden.?
*Erstmals publiziert in ?Sobre la idealización en la vida personal y colectiva? und anderen Aufsätzen bei Edition Procultura, Bogotá, 1985, neu herausgegeben in Gambito de Torres, Fica, Bogotá, 2001.