Pilgerfahrt über den Atrato-Fluss

Für freie Fahrt auf dem Atrato

Vom 16. bis zum 21. November dieses Jahres planen die Diözesen Quibdó und Apartadó gemeinsam mit den Basisorganisationen der Indianer und Afrokolumbianer der Provinz Chocó eine Pilgerfahrt über den Atratofluss mit dem Ziel, den Schiffsverkehr für Fracht und Passagiere wieder zu eröffnen, der auf Grund der Kriegssituation seit sieben Jahren völlig zum Erliegen gekommen ist.

Seit Jahrhunderten ist der Atrato die wichtigste Verkehrsader des Chocó im äussersten Nordwesten Kolumbiens. Er entspringt in der westlichen Andenkette, fliesst parallel zur Pazifikküste von Süd nach Nord und mündet im Golf von Darién in die Karibik. Der 612 Km lange Fluss ist bis heute der einzige Verbindungsweg im mittleren und unteren Atratobecken. Es gibt in diesem unwegsamen Urwaldgebiet keine Strassen, was aus ökologischen Gründen auch besser so ist.

Bis 1996 fuhren über 20 Schiffe die Route Cartagena – Quibdó, drei Tage an der Atlantikküste vorbei von Cartagena bis Turbo an der Atratomündung und dann drei weitere Tage 450 Km den Atrato hinauf bis nach Quibdó, beladen mit Handelsgütern aller Art. Auf der Rückfahrt luden sie Holz, Reis, Kochbananen und andere Agrarprodukte. Seit den 80er Jahren begannen auch Schnellboote, die Strecke Turbo - Quibdó an einem Tag zurückzulegen. Vor sieben Jahren boten täglich zwei bis drei dieser "Expressos" einen Schnelltransport für jeweils zwanzig Passagiere an. Dann begann der Kampf der Paramilitärs und der Guerrilla um die Kontrolle über dieses Territorium. Flusssperren, Überfälle auf Schiffe und Boote, Plünderungen und Erpressung von "Schutzgeldern" nahmen derart Überhand, dass bald niemand mehr wagte, die Strecke Turbo - Quibdó zu fahren.

Die gewaltsame Stilllegung des Schiffsverkehrs auf dem Atrato hat der gesamten Region einen unermesslichen Schaden zugefügt, von dem mehrere Hunderttausend Menschen betroffen sind. Allein in der Provinzhauptstadt Quibdó leben 130.000 Einwohner. Extrem hohe Lebenshaltungskosten und grosse Arbeitslosigkeit kennzeichnen in den letzten Jahren das Bild der Stadt. Wer das Glück hat, ein Frühstück einzunehmen, weiss noch nicht, ob es auch zu einem Mittagessen reichen wird. Und drei Mahlzeiten am Tag sind inmitten dieser Wirtschaftskrise für 80% der Bevölkerung hier schon seit langem unerschwinglich. Doch hat die Stadt immerhin zwei Strassenverbindungen ins Landesinnere, die, wenn auch in schlechtem Zustand und von ständigen Erdrutschen und den Plünderungen der bewaffneten Gruppen heimgesucht, wenigstens eine Mindestversorgung mit Artikeln des nötigsten Bedarfs sicherstellen.

Für die Landbevölkerung sieht die Lage noch viel schlimmer aus. In vielen Dörfern gibt es keine Geschäfte mehr. In den wenigen Läden, die noch existieren, bleiben die meisten Regale leer. Familien, die früher fünf bis zehn Hektar Reis anbauten, riskieren heute nur noch den Anbau von ein bis zwei Hektar. Mit allen übrigen Produkten geschieht dasselbe, weil es kaum Absatzmöglichkeiten gibt. Der Benzinpreis liegt dreimal höher als der offiziell festgelegte Preis. Viele Lehrer, Ärtzte und Krankenschwestern weigern sich aus Sicherheitsgründen, in den Dörfern ihren Dienst zu verrichten.

Leider hat die öffentliche Meinung in Kolumbien bisher nicht auf diese prekäre Lage reagiert. Asserhalb des Chocó hat im grunde niemand überhaupt Notiz davon genommen. Deshalb will die betroffene Bevölkerung unter der Initiative der Diözesen mit der geplanten Aktion im November endlich die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf diesen unhaltbaren Zustand richten. Schon im Vorfeld sollen die Medien zu Reportagen über die gravierende Situation motiviert werden. Vor allem für die Schlussveranstaltung am 21. November in Turbo sind hohe Regierungsverteter eingeladen, damit sie mit den Aussagen der Menschen konfrontiert werden, die schon so viele Jahre unter diesem Notstand zu leiden haben. Auch eine gute Beteiligung der Botschaften, der Vereinten Nationen, der Hilfswerke und Menschenrechts-organisationen wird erwartet.

Je mehr Menschen in aller Welt sich mit dieser Sache solidarisieren, um so grösser wird die Hoffnung, dass die Wirtschaftsblockade des Atrato endlich überwunden wird.