Die Situation im Chocó

Rundbrief vom 3. Juli 2002

Ursula Holzapfel / Ulrich Kollwitz
Equipo Misionero Justicia y Paz

Quibdó - Chocó

Quibdó, 3. Juli 2002

Liebe Freundinnen, liebe Freunde!

Mittlerweile sind seit dem tragischen Ereignis in Bellavista, von dem Ihr wohl alle gehört habt, schon zwei Monate vergangen. Wie weit die deutschen Medien darüber berichtet haben, können wir hier nicht abschätzen. Uns sind zwar ein paar Artikel zugeschickt worden. Einige Journalisten haben sich direkt an uns gewandt. Aber eine Übersicht haben wir darüber nicht.

Wir können nur immer wieder betonen, dass es eine "Muerte Anunciada", ein "angekündigter Tod" war. Wie oft haben die Diözese und die Basisorganisationen versucht, die Aufmerksamkeit auf die Eskalation der Gewalt im Chocó zu lenken! Als am 21. April Vigía del Fuerte und Bellavista überraschend für uns alle von 300 Paramilitärs besetzt wurden, die mit zehn Schnellbooten ungehindert an den Militärstationen im Unteren Atrato vorbei mitten ins seit zwei Jahren von der Guerrilla der FARC kontrollierte Gebiet fuhren, war klar, dass damit höchste Gefahr für die Zivilbevölkerung gegeben war. Auf allen Ebenen wurde Alarm geschlagen. Aber wir wurden von Seiten des Staates und der bewaffneten Gruppen nicht gehört. Und nun kam es zum schlimmsten Massaker an der Zivilbevölkerung in 40 Jahren Bürgerkrieg in Kolumbien.

Am 1. Mai begann der zu erwartende Angriff der FARC auf die Paramilitärs. Die Guerilla übernahm praktisch ohne großen Widerstand die Kontrolle in Vigía und die Paramilitärs verschanzten sich in Bellavista, vor allem in der Nähe der Kirche und dem Haus der Ordensfrauen, wo sich die Bewohner des kleinen Dorfes versammelt hatten in der Hoffnung, als Zivilbevölkerung von den Kampfhandlungen verschont zu bleiben. Am 2. Mai kam es dann zu der Tragödie, als ein Sprengsatz der Guerilla in die Kirche von Bellavista einschlug und nach offiziellen Angaben 117 Menschen tötete, die Mehrzahl Frauen und Kinder. Die Bewohner von Bellavista, darunter über hundert Verletzte, flohen unter Kugelhagel auf die andere Flussseite nach Vigía del Fuerte.

Die Kämpfe zwischen den eingeschlossenen Paramilitärs und der Guerilla gingen bis zum 5. Mai abends weiter. An diesem Tag forderte die Bevölkerung die FARC auf, das Dorf Vigía zu verlassen. Am folgenden Morgen kam die Guerilla dieser Aufforderung nach. Unterdessen rückte die Marine über den Unteren Atrato vor und nahm am Nachmittag des 6. Mai das Dorf Napipí, wo sich eine Abteilung der FARC verschanzt hatte, unter schweren Beschuss. Bei dieser Bombardierung wurden drei Personen verletzt, eine junge Frau starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Am 7. Mai verschärften sich die Bombardierungen unter Einsatz von Mirageflugzeugen. Wir konnten in Vigía die Bomben fallen sehen, deren Detonationen die Holzhäuser schwer erschütterten. Am 8. Mai marschierte das Militär in Vigía ein und übernahm die Kontrolle. Sofort tauchten die Paramilitärs aus ihren Verstecken auf, brachten ihre Verletzten ins Krankenhaus, plünderten die Häuser in Bellavista und besorgten sich Zivilkleidung. Vor aller Augen konnten sie sich in Bellavista und Vigía frei bewegen inmitten des Militärs und des Personals der Staatsanwaltschaft. Diese offensichtliche Komplizenschaft führte zu einer Panik, die auch auf umliegende Dörfer überging und eine Massenflucht von fast 5.000 Menschen nach Quibdó auslöste.

Der Leiter des UNO-Menschenrechtsbüros machte mit seinem Team einen Besuch vor Ort und gab danach einen offiziellen Bericht heraus, in welchem dieser Fall als Kriegsverbrechen bezeichnet wird, für das in erster Linie die Guerilla der FARC verantwortlich ist, bei dem aber auch eine Mitschuld der Paramilitärs und der kolumbianischen Streitkräfte festgestellt wird, was zu empfindlichen Protesten des Staatspräsidenten und der Generäle führte.

Die betroffenen Gemeinden haben viel Solidarität erfahren. Trotz der akuten Gefahr neuer Gefechte halten die meisten noch aus und sind entschlossen, ihr Territorium und ihre Autonomie mit gewaltfreiem Widerstand zu verteidigen. Daher gilt unsere erste Sorge diesen Menschen und deshalb sind wir in diesen Monaten die meiste Zeit in den Dörfern unterwegs, um den Gemeinden Mut zu machen und noch größere Panik und Massenflucht zu verhindern. Für diese Aufgabe haben wir Unterstützung von vielen kolumbianischen Ordensleuten erhalten, die zwei bis vier Wochen hier an den Atrato kommen, um einige Dörfer zu begleiten und schon allein durch ihre Anwesenheit den bedrohten Menschen ein wenig Sicherheitsgefühl geben. Das Hauptproblem sind nach wie vor die willkürlichen Kontrollen des Militärs auf dem Fluss, das jetzt vor allem kein Benzin durchlassen will, wodurch die Zivilbevölkerung daran gehindert wird, den normalen Beschäftigungen nachzugehen. Damit droht die sowieso prekäre Wirtschaft total zusammenzubrechen.

Eine Flucht nach Quibdó kann aber auch nicht die Lösung sein. Es ist beschämend, wie die Regierungsstellen mit den Flüchtlingen hier umgehen. Die verteilten Lebensmittel reichen gerade, um nicht zu verhungern; keine Gesundheitsversorgung; kein Schulunterricht; erbärmliche Wohnverhältnisse; eine Kochstelle für 100 Familien; und die Pech haben, werden überhaupt nicht als Flüchtlinge registriert und können sehen, wo sie bleiben. Die Diözese versucht zwar, die schlimmste Not zu lindern, doch letzten Endes hat es keinen Sinn, dem Staat die Verantwortung abzunehmen. Hier besteht die Aufgabe darin, die Vertriebenen über ihre Rechte aufzuklären und ihnen zu helfen, sich zu organisieren, um eine Rückkehr unter menschenwürdigen Bedingungen in ihre Dörfer durchzusetzen.

Der für Mai geplante Europabesuch unseres neuen Bischofs musste selbstverständlich auf Grund der tragischen Ereignisse verschoben werden. Er ist jetzt für die Zeit vom 25. September bis 25. Oktober vorgesehen. Dann wird bereits der neu gewählte Präsident Alvaro Uribe an der Macht sein, der als ultrarechter Militarist gilt und dessen Regierungsmannschaft und Programm nichts Gutes versprechen. Schon jetzt wird in den Nachrichten ständig angekündigt, dass die neue Regierung wieder den Ausnahmezustand verhängen wird, der durch die Verfassung von 1991 abgeschafft worden war. Das letzte Sicherheitsgesetz vom vergangenen Jahr konnte ja glücklicherweise vom obersten Verfassungsgericht zu Fall gebracht werden. Wir können nur hoffen, dass auch in Zukunft die letzten Reste der kolumbianischen Demokratie nicht dem totalen Militarismus zum Opfer fallen.

Allen, die sich in den letzten Monaten besonders mit den leidenden Menschen hier am Atrato solidarisiert haben, gilt unser herzlichster Dank auch im Namen der Betroffenen

In Verbundenheit

Ursula und Uli