Seelsorge-Gemeinschaft Bübingen, Güdingen und Brebach-Fechingen

Rundbrief aus dem Chocó

Quibdó, den 22. Juli 2006

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Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

lange habt Ihr nichts mehr von uns gehört, wir haben aber auch nichts "Neues" zu berichten, Alles ist immer noch beim "Alten", immer noch leben wir mitten im Gewaltkonflikt, immer noch machen wir uns auf den Weg, Menschen, Gemeinden zu besuchen, deren ziviler Widerstand unter dem ständigen Druck der Kriegsparteien erlahmt oder die bereits geflohen sind oder die gerne auf ihr Land zurückkehren möchten, aber noch keine Klarheit haben, ob es möglich ist. Immer noch hören wir uns dieselben Beschwerden an und können uns also nur wiederholen.

Wir sind jetzt schon sehr lange in Kolumbien, Ursula seit 25 Jahren und Uli bereits seit 30 Jahren. In der Menschenrechtsarbeit sind wir mittlerweile seit 14 Jahren tätig, acht davon wieder im Chocó, und oft fragen wir uns: was hat sich getan, was konnte verbessert werden? Manchmal könnte man/frau wirklich...

Natürlich ist es uns klar, dass nicht wir es sind, die hier die grosse "Veränderung" bringen werden. Das hängt von so vielen Faktoren ab, auf die wir so gut wie keinen Einfluss haben, und schliesslich können nur die Kolumbianer selber eine Lösung ihrer Probleme erreichen. Aber wenn wir dann sehen, wie es nach so vielen Jahren mit der Bewusstseinsbildung der Gemeinden der Schwarzen, Indianer und Mestizen hier im Chocó bestellt ist, ist die Bilanz nicht gerade ermutigend. Die finanzielle Abhängigkeit der Basisorganisationen von Hilfen aus dem Ausland wird eher grösser statt kleiner. Vor allem die Befähigung, eigene Gemeinschaftsprojekte langfristig gut zu verwalten, lässt viel zu wünschen übrig.

Wenn wir uns andererseits jedoch fragen, was wäre, wenn wir gar nicht hier wären, wenn wir unsere Zeit, unsere Kraft anderswo einsetzen würden, was wäre dann? Dann hätten all die Gemeinden einiges weniger an Begleitung erfahren, dann gäbe es viele kleine Ansätze zur Selbsthilfe unter den Opfern des Krieges nicht, dann wäre noch viel weniger von den Menschenrechtsverletzungen und Willkürakten, die hier geschehen, an die Öffentlichkeit gekommen, dann wären die Basisorganisationen noch mehr auf verlorenem Posten und vieles wäre nach Aussage unserer Partner sicher noch schlimmer.

Ist das ein billiger Trost, den wir uns selber spenden um nicht zu verzeifeln? Letztenendes kann keiner wissen, was gewesen wäre, wenn...

Wir können jedenfalls festhalten, dass das, was wir in Zusammenarbeit mit all unseren Kolleginnen und Kollegen hier vor Ort leisten, in Kolumbien nicht selbstverständlich ist und daher bei vielen Anerkennung und Bewunderung hervorruft. So wurde unserer Diözese im Dezember letzten Jahres der Nationale Friedenspreis verliehen. Dieser Preis wird seit 1999 jedes Jahr von den grossen Tageszeitungen und Fernseh- und Rundfunksendern ausgeschrieben und von der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert. Die Diözese Quibdó hat diesen Friedenspreis nicht in erster Linie deswegen erhalten, weil sie sich in humanitärer Haltung darum kümmert, das Leid der Opfer zu mildern. Das tun viele andere auch. Die Position unserer Diözese zeichnet sich dadurch aus, auch unbequeme Wahrheiten offen auszusprechen wie z.B. die Komplizenschaft der staatlichen Streitkräfte mit den paramilitärischen Gruppen.

So überwiegt also bei unserer Bestandsaufnahme letztlich doch das Positive und genau aus diesem Grund wollen wir weiter hier bleiben, auch wenn die Geduld machmal an Zerreissproben gelangt. Wir sind dabei, neue Verträge abzuschliessen, damit zu unserem Unterhalt und der Rentenversicherung auch die gesetzliche Krankenversicherung für die Zukunft gewährleistet ist (Ursulas Vertrag wurde gerade im Mai für ein Jahr bewilligt und für Uli steht ein neuer Vertrag ab November auf dem Plan - auch ein Grund, weshalb er zusammen mit P. Albeiro eine Europareise von Mitte Oktober bis Mitte November vorgesehen hat).

Im grossen uns ganzen heisst es in der "Entwicklungshilfe", dass die Projekte und damit auch der Personaleinsatz nicht von Dauer sein können, kurz- und mittelfristige Einsätze sind gewünscht. Aber wie sieht es aus, wenn die Menschen, die auf die Entwicklungshilfe all die Jahre gehofft haben, jetzt auch noch durch die ständigen Verletzungen der Menschenrechte das bischen, was sie haben, weggenommen bekommen und ihre Rechte dauernd missachtet werden? Zum Glück werden diese Dinge in der AGEH und bei Misereor auch so gesehen, so dass wir von dieser Seite Verbündete haben und hoffen dürfen, dass auch nach diesem Jahresvertrag für uns beide wieder ein "normaler" Entwicklungshelfervertrag abgeschlossenen werden kann und wir so eine neue Zeitspanne von drei Jahren angehen können, obschon wir immer wieder gesagt bekommen, dass wir kein Recht davon ableiten könnten, weiterhin unter Vertrag zu sein. Nun, so ist das mit den Rechten, nur geht es uns ja nicht um "unsere" Rechte sondern um die der Gemeinden im Chocó.

Wir wollen nicht aufgeben und weiterhin für die Menschen hier da sein, einen langen Atem behalten, was uns ja nur möglich ist, wenn wir wiederum mit Eurer Unterstützung rechnen können.

Herzlich
Ursula und Uli

letzte Änderung: 06.03.2011
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