März-Rundbrief 2003

Ursula Holzapfel / Ulrich Kollwitz
Equipo Misionero Vida, Justicia y Paz
A. A. 400
Quibdó – Chocó
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Quibdó, 6. März 2003

Liebe Freundinnen, liebe Freunde!

Es ist wohl schon längst an der Zeit, uns bei euch einmal wieder ins Gedächtnis zu rufen, vor allem jetzt, da die Kriegsvorbereitungen gegen den Irak in der ganzen Welt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und das Interesse an einem Land wie Kolumbien völlig ins Abseits gerät. Deswegen ist es uns wichtig, den Kontakt zu dem kleinen Kreis von Personen, Familien und Gruppen nicht abreissen zu lasssen, der seit Jahren unsere Arbeit mit treuer Anteilnahme begleitet, denn die internationale Solidarität ist ein Hoffnungsträger für das kolumbianische Volk, um aus der Sackgasse des 40-jährigen Gewaltkonflikts herauszufinden, der hier immer häufiger mit dem 30-jährigen Krieg verglichen wird.

Der Pflege und Verstärkung dieser Solidarität diente ja auch die Reise mit unserem Bischof Fidel Leon Cadavid und P. Albeiro Parra im Oktober vergangenen Jahres nach Deutschland, Österreich und Spanien. Fast überall waren die Veranstaltungen überraschend gut besucht. Natürlich stand die Tragödie von Bojayá vom 2. Mai vergangenen Jahres im Mittelpunkt unserer Ausführungen, über die wir ja im letzten Rundbrief vor acht Monaten ausführlich berichtet haben.

Die Menschenrechtskommission der Diözese Quibdó hat dieses Jahr personelle Verstärkung bekommen. Im Rahmen des Programms „Ziviler Friedensdienst“ der AGEH sind zwei neue Mitarbeiter aus Deutschland eingetroffen. Inge Kleutgens aus Köln ist Theater- und Tanzpädagogin und wird Aspekte der Friedenserziehung in die Kulturarbeit einbringen. Thomas Hofmann ist Sozialarbeiter und hat vor allem Erfahrung mit Jugendbanden und Drogenabhängigen, zwei Problemfelder, denen besonders in der Stadt dringend mehr Beachtung geschenkt werden muss. Dass von acht Plätzen im Zivilen Friedensdienst für Kolumbien der Diözese Quibdó gleich zwei angeboten wurden, zeigt die hohe Wertschätzung der AGEH für die Menschenrechtsarbeit dieser Ortskirche.

Ausserdem kehrte im Januar unser altgedienter Mitstreiter Felix Albizu, Steyler Missionar aus Spanien, nach sieben Jahren Einsatz in der Heimat wieder an den Atrato zurück. Felix wird in wenigen Monaten das Rentenalter erreichen, will sich aber in einer Art Bereitschaftsdienst nützlich machen und wird zusammen mit uns hier in Quibdó seinen Wohnsitz haben. So sind wir als „Equipo Misionero de Justicia y Paz“ jetzt zu dritt. Nach der Auflösung der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der Ordensleute Kolumbiens, allgemein als „Justicia y Paz“ bekannt, sind wir jetzt direkt in die Menschenrechtskommission „Vida, Justicia y Paz“ der Diözese eingebunden. Interne Zwistigkeiten in „Justicia y Paz“ führten auf der letzten Vollversammlung im Oktober zu diesem traurigen Auflösungsbeschluss. Entscheidender Streitpunkt war die radikale Position eines kleinen aber sehr rührigen Sektors, die Kommission hätte ausschliesslich die Aufgabe, den Staatsterror anzuzeigen, dürfte aber nichts über die Willkürakte der Guerilla gegen die wehrlose Zivilbevölkerung sagen.

Diese Polarisierungstendenz ist leider in Kolumbien immer häufiger anzutreffen und liegt – mal mit denselben, mal mit umgekehrten Vorzeichen - ganz auf der Linie, die Mr. Bush der gesamten Welt aufzwingen will: wer nicht für uns ist, ist gegen uns; wir sind die Guten und kämpfen gegen die Bösen, gegen die Terroristen; Krieg ist das einzig wirksame Mittel, die bösen Terroristen unschädlich zu machen. Die jetztige kolumbianische Regierung unter dem Präsidenten Alvaro Uribe handelt genau nach dieser Devise. Die positiven Resultate, die sich die absolute Mehrheit der Wähler von der Politik der harten Hand versprochen hat, lassen jedoch auf sich warten. Der bewaffnete Kampf mit Massakern, Ermordungen, Verschwindenlassen von Personen, Massenvertreibungen, Attentaten, Entführungen und Bombenanschlägen eskaliert immer weiter. Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Wirtschaftsblockaden und willkürliche Verhaftungen sind immer mehr an der Tagesordnung. Der Militärhaushalt wird aufgestockt zu Lasten der sowieso schon minimalen Sozialleistungen. Der Krieg, der sich bisher vor allem auf dem Land abgespielt hat, wird verstärkt in die Grosstädte getragen und trifft jetzt auch die Oberschicht. Doch selbst hier wird die soziale Diskriminierung fortgesetzt. Während die Opfer des Bombenanschlags von vor einem Monat auf den exklusiven Klub „El Nogal“ in Bogotá bereits vom Staat entschädigt wurden, haben die Opfer des Massakers von Bojayá noch keinen Peso gesehen. Zur Zeit sind wir zusammen mit den Überlebenden und den Angehörigen der Todesopfer dabei, die Feier des Jahrgedächtnisses für den 2. Mai vorzubereiten. Ein Teil der Bevölkerung ist inzwischen in die Dörfer zurückgekehrt. Viele sind aber so traumatisiert, dass eine Rückkehr ins Dorf für sie vorläufig nicht in Frage kommt. Allein aus Bellavista sind 59 Familien noch nicht zurückgekehrt und leben meist ohne Einkommen unter extrem schwierigen Verhältnissen in Quibdó bei Verwandten oder Freunden. Die Gemeinden wollen die Gelegenheit wahrnehmen, an diesem Tag in aller Öffentlichkeit gegen die leeren Versprechungen der Regierungsstellen zu protestieren.

Allen, die mit ihren solidarischen Spenden die Arbeit der Menschenrechtskommission der Diözese unterstützen und mittragen, sei an dieser Stelle auch im Namen der Bistumsleitung und der betroffenen Bevölkerung ein herzliches Dankeschön gesagt.

Wir können nur hoffen, dass der Friedenswille so vieler Menschen, der sich in den weltweiten massiven Protesten gegen die Kriegspolitik äussert, Erfolg haben wird und damit auch hier in Kolumbien einer friedlichen Lösung des Konflikts neue Wege geöffnet werden.

Herzliche Grüsse

Ursula und Uli