Quibdó, den 21. Mai 2007
Liebe Freundinnen, liebe Freunde,
Euch allen einen ganz herzlichen Gruß aus dem Chocó, wo wir gerade an einer ausser-ordentlichen Vollversammlung des Bauernverbandes ACIA teilgenommen haben, die zum Anlass des 25-jährigen Bestehens hier in Quibdó einberufen wurde. Es war für uns eine ganz besondere Freude zu erleben, wie das, was wir in den 80er Jahren mitgeholfen haben zu säen, nun seine Früchte trägt. Der einheimische, bald 75-jährige Claretinermissionar Gonzalo de la Torre, der damals die Idee des Organisationsprozesses der schwarzen Campesinos am Atrato ins Leben rief, liess die gesamte Vollversammlung teilhaben an einem historischen Rückblick. Er rief uns wieder vieles in Erinnerung, was wir gemeinsam mit den Gemeinden in den ersten Jahren der Organisation erlebt, gefeiert und erlitten hatten. Es war sehr schön zu sehen, wie viele Gesichter aus dieser Zeit auch jetzt wieder anwesend waren, älter, gegerbter, aber immer noch bereit, die Stirn zu bieten. Denn gerade darauf kommt es heute wieder an. Seit 10 Jahren haben die 120 Gemeinden am Mittleren Atratofluss nun einen kollektiven Landtitel und besitzen ein Territorium von 800.000 Hektar. Aber die Gefahr, dass es ihnen wieder weggenommen wird, wächst täglich, dieses mal allerdings nicht durch gewaltsame Vertreibung sondern subtilere, "legale" Methoden. Ein neues Forstgesetz wurde bereits erlassen, in dem die Interessen der Holzfirmen eindeutig über die der Gemeinden gestellt wurden. Der Urwald wird hier leider nicht als ein erhaltenswürdiges, lebenswichtiges Gut betrachtet, sondern als ein ausbeutbares Kapital, das grosse Renditen verspricht. Schlimmeres ist noch zu befürchten, wenn es um das Thema Wasser und Bodenschätze geht. Die Zeiten, in den die Campesinos nur das Nötigste zum Leben aus dem Urwald geholt haben und im Einklang mit der Natur lebten, scheinen endgültig vorbei zu sein. Alle Vertreter der Gemeinden, unter denen sich dieses mal sehr viele Frauen und Jugendliche befanden, waren sich einig, dass die Situatión in den Dörfern sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert hat. Die Preise ihrer Produkte: Mais, Reis, Kochbananen, Früchte, Zuckerrohr, Fische, sinken ständig. Die Preise für Industrieprodukte und Benzin jedoch werden dauernd teurer. Daher können sich zum Beispiel heute weniger Campesinos einen Aussenbordmotor leisten als noch vor 10 Jahren, was wiederum die Transportmöglichkeiten in den Gemeinden um ein vielfaches erschwert.
Wie auch in Europa hält hier die Privatisierung ihren triumpalen Einzug. Telefonnetz, Post, Elektrizitäts- und Wasserversorgung sind bereits seit Jahren an private Investoren verschleudert worden. Die gesetzliche Krankenkasse wurde in den Konkurs manövriert. Das, was man früher einmal öffentliche Dienstleistungsbetriebe nannte, die jeder Bürger in Anspruch nehmen konnte, hat sich heute in Luxusartikel verwandelt. In diesen Tagen ist die Hochschulerziehung im Visier. In 18 öffentlichen Universitäten Kolumbiens, darunter auch in der von Quibdó, wird von Seiten der Studenten und Professoren gestreikt und zu öffentlichen Protesten aufgerufen, um die geplanten drastischen Erhöhungen der Studiengebühren zu verhindern die dazu führen würden, dass Jugendliche aus armen Familien keinen Zugang mehr zu den Universitäten hätten. Hinter diesem weltweiten Phänomen steckt das neoliberale Wirtschaftsmodell, welches sich mittlerweile als einzig gültiges System darstellt, zu dem es angeblich keine Alternative gibt. Das bekommt auch unsere Freundin Delis zu spüren, über deren "Geschichte" wir in unserem Weihnachtsrundbrief berichtet haben. Leider haben ihre Proteste bis heute keinen Erfolg gehabt. Bei der Finanzleitung des Wohnungsbauprojekt heisst es, es gibt keine Sonderregelungen, alle müssen zahlen, oder verlieren ihr Anrecht auf das Haus. Delis will nun rechtliche Schritte einleiten.
Wir vertrauen mit ihr auf den Leitspruch der weltweiten Sozialforumbewegung: "Eine andere Welt ist möglich". Daher wollen wir uns nicht so einfach mit den Gegebenheiten abfinden und suchen im Geiste des Evangeliums gemeinsam mit den Gemeinden und Gruppen nach neuen Wegen. Als Antwort und gültige Alternative setzen die Organisationen der Schwarzen, Indianer und Mestizen auf den zivilen Widerstand. Resistencia heisst das hier. Sie weigern sich, ihr Land zu verlassen und treten auch unter den schwersten Bedingungen für ihre Rechte ein.
Zur Zeit findet in Brasilien die fünfte lateinamerikanische Bischofskonferenz statt, an deren Eröffnung auch der Papst teilnahm. Wir sind alle gespannt, ob noch etwas übrigbleibt von dem Elan der zweiten Konferenz in Medellín 1968 und der dritten in Puebla/Mexiko 1979, als sich die lateinamerikanische Kirche das Engagement für Gerechtigkeit und Frieden und die Parteinahme für die Armen auf ihre Fahnen schrieb. Der vom Vatikan suspendierte Franziskanerpater und Befreiungstheologe Leonardo Boff äusserte in einem Kommentar zum Papstbesuch die Sorge, dass dieser doch mehr ein devotionales Christentum fördert, ein Christentum der traditionellen Frömmigkeit, das sich nicht aktiv an historischen Veränderungsprozessen beteiligt sondern sich den bestehenden Machtverhältnissen anpasst. Eine Tendenz in diese Richtung ist auch hier bei uns immer deutlicher spürbar. Vor allem die jungen Priester werden in den Priesterseminaren von dieser Mentalität geprägt und engagieren sich daher kaum oder gar nicht in den Organisationsprozessen der Gemeinden. Vielleicht führt die Konfrontation mit den sozialen Ungerechtigkeiten, unter denen die Menschen hier leiden, bei dem einen oder anderen noch zu einem Umdenken. Andernfalls könnte es passieren, dass die Ortskirchen mit der Zeit wieder in die Praxis von vor dem Konzil zurückfallen.
Doch zum Glück gibt es ja auch noch den Heiligen Geist. Nächsten Sonntag ist Pfingsten, ein Anlass, die Hoffnung nicht aufzugeben und neue Kraft zu schöpfen.
Was unsere persönliche soziale Absicherung betrifft, können wir Euch mitteilen, dass der AGEH-Vertrag von Ursula nun bis zum 31. April 2010 verlängert wurde. Für Uli steht eine Vertragserneuerung im Oktober an. Daher wollen wir auch unseren Urlaub in dieser Zeit nehmen und gleichzeitig die Zeit nutzen, zusammen mit unserem Bischof und P. Albeiro einige Solidaritätsbesuche zu machen. Beide sind von Caritas- Frankreich eingeladen und möchten dann auch noch kurz nach Deutschland kommen. Allzuviel Zeit steht nicht zur Verfügung, aber wenn die eine oder andere Gruppe oder Gemeinde einen Vorschlag hat, möchten wir gerne darauf eingehen. Wir rechnen damit, dass Ihr Euch in diesem Falle bei uns meldet und wir dann gemeinsam planen können.
So verbleiben wir mit herzlichen Grüssen, bis bald
Ursula und Uli
letzte Änderung: 06.03.2011
(seit 30.4.2001)