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Ursula Holzapfel / Ulrich Kollwitz |
Quibdó, 11. Oktober 2003
Liebe Freundinnen, liebe Freunde!
Unser letzter Rundbrief vom März stand im Zeichen der Kriegsvorbereitungen der USA und Grossbritanniens gegen den Irak. Mittlerweile hat sich einmal mehr bestätigt, dass zwar konkrete Interessen der Machthaber dieser Welt mit Gewalt durchgesetzt werden können, damit aber keineswegs die wirkliche Lösung der Probleme erreicht wird. Im Irak herrscht heute ein schlimmeres Chaos als unter dem Regime Saddam Husseins. Wenn doch nur die Konfliktparteien hier in Kolumbien daraus eine Lehre ziehen und an den Verhandlungstisch zurückkehren würden! Aber nein, die Fronten verhärten sich immer mehr.
Schon über ein Jahr währt die Offensive des Militärs gemäss der Politik der harten Hand des Präsidenten Alvaro Uribe, dessen Popularität nach wie vor sehr hoch ist. Doch die täglichen Siegesmeldungen im Fernsehen können auf die Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Ende des Krieges noch lange nicht abzusehen ist. Die Guerrilla hält sich in der Defensive und setzt auf einen baldigen Verschleiss der Regierung. Sie warten ab, wie lange die Kolumbianer wohl bereit sind, den Gürtel immer enger schnallen zu müssen, wenn die spärlichen Resultate der Kriegspolitik in keinem Verhältnis zu den dafür geforderten finanziellen Opfern steht, die natürlich wie immer hauptsächlich die ärmeren Schichten aufzubringen haben, die 80 % der Bevölkerung ausmachen.
Die Folgen dieser Politik sind hier am Atrato hautnah zu spüren. In den meisten Dörfern gibt es nicht einmal eine Krankenschwester, geschweige denn einen Arzt. Doch seit April wurden in drei Dörfern jeweils 50 schwer bewaffnete Polizisten stationiert. Die Kriegsmarine patroulliert mit immer mehr Schiffen und Schnellbooten den Fluss. Im Urwald sind 600 Paramilitärs auf dem Vormarsch. Weitere sollen folgen. Die Luftwaffe bombardiert Gegenden, in denen sie Guerillalager vermutet und nimmt dabei kaum Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Im Gegenzug hat die Guerilla in den letzten zwei Monaten mindestens zehn Campesinos ermordet, weil sie sie als Spitzel verdächtigten.
Ein besonders schlimmer Fall ereignete sich am 28 August, als der Gemeindeleiter des Dorfes Tanguí, Teodolindo Rivas am hellen Tag vor den Augen seiner Frau und seiner sechs Kinder von einem Guerillakommandanten der FARC erschossen wurde. Diese Gemeinde hat sich in den letzten Jahren in besonders mutiger Weise dagegen gewehrt, dass sich bewaffnete Gruppen in ihrem Dorf niederlassen. Alle sehen daher den Mord an Teodolindo Rivas als einen direkten Angriff auf die Organisation der Campesinos an, die ihre Selbständigkeit gegenüber allen Kriegsparteien verteidigen wollen.
Diesem wachsenden Druck von allen Seiten dürfen wir nicht tatenlos weichen. Deshalb plant die Diözese Quibdó zusammen mit der Nachbardiözese Apartadó und mit den Organisationen der Indianer und Afrokolumbianer vom 16 – 21 November eine grosse Pilgerfahrt über den Atrato von Quibdó bis an die Mündung in Turbo. Dazu sollen Vertreter von Botschaften, Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen, Hilfswerken, Kirchen und Regierung eingeladen werden, um auf die gefährliche Lage der Zivilbevölkerung in diesem abgelegenen aber strategisch wichtigen Gebiet aufmerksam zu machen. Bei dieser Gelegenheit werden drei Gemeindezentren eingeweiht, die als Zufluchtsstätten für Flüchtlinge dienen sollen. Vor allem geht es aber darum, darauf zu drängen, dass die Rechte der Zivilbevölkerung von allen bewaffneten Akteuren respektiert werden, neue Fluchtbewegungen zu vermeiden, die Komplizenschaft zwischen Militär und Paramilitärs öffentlich anzuzeigen und den Schiffsverkehr auf dem gesamten Atrato wieder zu ermöglichen, der seit fast sieben Jahren völlig zum Erliegen gekommen ist.
Die Diözese Quibdó wird ihre zahlreichen Solidaritätspartner, die Gott sei Dank in Spanien, den USA, Schweiz, Österreich und Deutschland bestehen, darum bitten, diese Aktion in den jeweiligen Ländern zu unterstützen und an einigen Orten eventuell Parallelveranstaltungen zu planen. Denn vor allem der Druck aus dem Ausland kann die Kriegsparteien dazu bewegen einzulenken, um ihr negatives Bild nicht noch mehr zu ruinieren. Unter diesen Partnern sind in Deutschland neben den bekannten Hilfswerken Misereor, Adveniat und Kindermissionswerk vor allem zu erwähnen der Diözesanrat der Laien im Bistum Aachen, Aktion Pro Colombia in Mönchengladbach, Aktion 505 Jahre Danach im Saarland, Dekanat Brebach-Fechingen in Saarbrücken, Freundeskreis Lateinamerika im Allgäu und das Menschenrechtszentrum in Nürnberg.
Eine positive Nachricht können die Handarbeitsgruppen der aus ihrer Heimat vertriebenen Frauen in Quibdó vermelden. Sie sind zur Zeit auf der ersten Kunsthandwerksmesse der Pazifikregion in Bogotá mit einem eigenen Stand vertreten. Das ist eine aussergewöhnlich gute Gelegenheit, ihre schwarzen Puppen, Schürzen, Tischdecken und vieles mehr einem breiten Publikum anzubieten. Mittlerweile können 15 Frauen mit diesen Einnahmen ihre Familien unterhalten und geben gleichzeitig Fortbildungskurse an über 100 Frauen.
Nun bleibt uns noch Euch allen für die andauernde Solidarität zu danken und Euch style="mso-spacerun: yes"> eine schöne Herbstzeit zu wünschen. Möge die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sowohl bei Euch als auch hier einen lebendigen Platz in unserem Leben haben.
Euch ganz herzlich grüssend