Ursula Holzapfel / Ulrich Kollwitz
Equipo Misionero Vida, Justicia y Paz
A. A. 191
Quibdó - Chocó
Tel-Fax: 0057 46 713384
E - mail: vidajyp@hotmail.com
(Erich Fried)
Was keiner
geglaubt haben wird
was keiner
gewusst haben konnte
was keiner
geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner
gewollt haben wollte
Palmsonntag, den 20.3.2005
Liebe Freundinnen, liebe Freunde,
der Beginn der Karwoche erinnert uns daran, dass es an der Zeit ist, wieder einmal etwas von uns hören zu lassen. Die Erfahrung von Leiden, Tod und Auferstehung prägt auch hier das Leben der Menschen. Allerdings stehen uns die Zeichen von Leiden und Tod immer deutlicher vor Augen und bestimmen unseren Alltag.
Gerade vorgestern sind wir von einer Fahrt nach Bojayá zurückgekommen, wo wir mit ansehen mussten, wie zur Zeit eine regelrechte Invasion der Territorien der Indianer und Afrokolumbianer mit Waffengewalt durchgeführt wird. Die Paramilitärs sind am Atrato wieder auf dem Vormarsch und besetzen systematisch einen Nebenfluss nach dem anderen. Seit einem Monat haben sie den Bojayá ins Visier genommen, was eine neue Massenflucht von 1500 schwarzen Bauern auslöste, die sich nun in den knapp 100 Holzhütten von Bellavista zusammendrängen, dasselbe Dorf, das sich noch kaum vom Schrecken des Massakers vom Mai 2002 erholt hat, als die Guerilla bei Kämpfen mit den Paramilitärs eine Bombe in die Kirche von Bellavista schoss.
Jetzt droht die Kontrolle über die Holzreserven, Frucht unserer langjährigen Organisationsarbeit, dem Plündern durch die Paramilitärs und in einigen Fällen auch durch die Guerilla zum Opfer zu fallen. Wenn der Urwald abgeholzt ist, wird von den bewaffneten Gruppen in der Regel der Kokaanbau eingeführt. Zu unser aller Entsetzen besteht die einzige Antwort des Staates in massiven Besprühungen aus der Luft mit Unkrautvernichtungsmitteln, was die Zerstörung von noch mehr Urwald, von Anbauflächen für Nahrungsmittel und die Verseuchung des Wassers zur Folge hat.
Das ganze findet unter den Augen von immer grösser werdenden Militär- und Polizeiaufgeboten statt, deren Komplizenschaft mit den Paramilitärs immer offensichtlicher wird, die aber auch die Konfrontation mit der Guerilla scheuen. Die Zielgruppe ihrer Aktionen sind eigenartigerweise wir, die Zivilbevölkerung, die sie wohl als ihren Hauptfeind ansehen. Anders können wir uns nicht erklären, dass wir auf dem Atrato an ein und demselben Tag bis zu zehn mal angehalten, kontrolliert und ausgefragt werden. Jede Dose Ölsardinen ist verdächtig, denn sie könnte ja Proviant für die Guerrilla sein. Wenn jedoch die Paramilitärs tonnenweise Waffen, Munition, Lebensmittel, Benzin und Chemikalien transportieren, kontrolliert niemand.
Doch der Gipfel des Zynismus besteht darin, dass die Paramilitärs ihre Invasionspolitik bereits ganz ungeniert als einen Entwicklungsplan mit Grossprojekten der Agroindustrie zum Wohl der Atratoregion präsentieren. Nach all den Jahren, in denen sie den schlimmsten Terror verbreitet haben, wollen sie sich nun von ihrer "besten Seite" zeigen. Denn unter der jetztigen Regierung des Präsidenten Uribe haben sie die besten Aussichten, vermittels sogenannter Friedensverhandlungen legalisiert zu werden.
Angesicht dieser Problematik versuchen wir in der Menschenrechtskommission unserer Diözese zusammen mit den Führungskräften der Basisorganisationen, sowohl den Flüchtlingen als auch den Gemeinden, die noch in ihren Dörfern aushalten, Mut zu machen, damit sie ihre Rechte und ihr Territorium nicht aufgeben. Die politische Rolle der Basisorganisationen ist zur Zeit wichtiger denn je. Um ihrer Stimme nach aussen mehr Gewicht zu geben, haben sie sich im Chocó zu einer Dachorganisation zusammengeschlossen mit dem Namen "Forum Solidarität Chocó".
Für die kommenden Monate planen die Basisorganisationen mehrere Aktionen, um möglichst viel Aufmerksamkeit für den Gewaltkonflikt im Chocó zu erreichen. Dafür rechnen sie mit der internationalen Solidarität und erwarten auch unsere Unterstützung. Nach unserer Einschätzung hat die Entwicklung in diesem Jahr einen kritischen Punkt erreicht. Was auf dem Spiel steht, ist die Zukunft der Entwicklungsmodelle der Indianer und Afrokolumbianer auf Gemeinschaftsbasis. Jetzt muss es sich erweisen, ob die Gemeinden genügend Kraft haben, um die Agressionen des Privatkapitals zu überleben.
In dieser schweren Lage wollen wir natürlich alles tun, um die Erwartungen und Hoffnungen der Menschen hier nicht zu enttäuschen. Dafür zählen wir, wie schon so lange, auch weiter auf Eure Hilfe, im Gebet und in der politischen und finanziellen Unterstützung, so wie es jedem nach seiner persönlichen Situation möglich ist.
Wenn auch Leid und Tod zur Zeit überwiegen, sind die Zeichen der Auferstehung doch sichtbar. So haben wir diese Jahr zwei neue ständige Mitarbeiter für unsere Kommission gewonnen: Nevaldo Perea und Pastor Caicedo, beide erfahrene Führungskräfte des Bauernverbands des Atrato ACIA. Nevaldo ist sicher manchem von Euch noch in Erinnerung, da er voriges Jahr anlässlich der Preisverleihung in Luzern einige Wochen mit uns zusammen unterwegs war.
Reflektion über Leid und Tod wird uns in den Kartagen mehr als einmal begegnen. Aber wir wünschen Euch dort und uns hier, dass die Zeichen des Lebens, der Auferstehung überwiegen.
Herzlich
Ursula und Uli
Spendenkonten für die Menschenrechtsarbeit der Diözese Quibdó:
Steyler Bank St. Augustin, Bankleitzahl 38621500, Kontonummer 11009
Verwendungszweck: für Ulrich Kollwitz oder Ursula Holzapfel
oder
Dresdner Bank Saarbrücken, BLZ 59080090
Kontonummer 0393196102, Kontoinhaber Pfarrer Matthias Holzapfel
Verwendungszweck: Solidarität Diözese Quibdó
letzte Änderung: 06.03.2011
(seit 30.4.2001)