Ursula Holzapfel / Ulrich Kollwitz
Quibdó, 2. Advent 2001
Equipo Misionero Justicia y Paz
Liebe Freundinnen, liebe Freunde!
Die
Worte des Profeten Jesaja klingen uns heute in den Ohren: "Er
wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen
den Elenden im Lande." (Jes 11,4) So wie das Volk Israel auf
einen gerechten König wartete, hofft auch das kolumbianische
Volk schon seit langem auf ein Ende der korrupten, Gewalt ausübenden
und Gegengewalt provozierenden Regierungen und auf eine neue,
gerechtere Staatsordnung. Doch diese Hoffnung braucht einen langen
Atem. Denn die Lage hier im Land und speziell im Chocó erleben
wir leider als immer düsterer.
In unserem langjährigen Arbeitsgebiet am mittleren Atrato setzt in letzter Zeit die Guerilla die Gemeinden unter Druck, ihre Präsenz in den Dörfern zu akzeptieren, was gegen deren Autonomieerklärungen verstösst. Die FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) versuchen massiv, Jugendliche anzuwerben, interpretiert den Widerstand der Dorfgemeinschaften gegen ihre Propaganda als Feinseligkeit und wirft der Kirche und den Basisorganisationen vor, die Gemeinden gegen sie aufzuwiegeln. Am unteren Atrato toben seit einer Woche erbitterte Gefechte zwischen Guerillaverbänden der FARC und Paramilitärs mit angeblich über 200 Toten und Hunderten von neuen Vertriebenen. Die Nachrichten die wir hören, werden täglich konfuser. Auch im Baudó ist eine neue Massenvertreibung im Gange. Im Juni waren dort über 2.000 Menschen von den Paramilitärs vertrieben worden. Während unseres Heimaturlaubs im September konnten diese Vertriebenen mit Unterstützung der Basisorganisationen und der Kirche in ihre Dörfer zurückkehren. Nun, Ende November, wurden sie durch eine Lebensmittelblockade der Paramilitärs und Ermordung von sechs Gemeindemitgliedern zu einem erneuten Exodus gezwungen. An der Strasse von Quibdó nach Medellín sind nach einer Offensive des Militärs gegen die Guerilla des ELN (Nationales Befreiungsheer) mehrere Indianergemeinden in Nachbardörfer geflohen, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. In Quibdó werden die Vertriebenen, die schon seit fast fünf Jahren um ihre Rechte auf staatliche Unterstützung kämpfen, von den Behörden hingehalten. Obwohl sie vor Gericht einen Teil ihrer Forderungen durchsetzen konnten, werden sie von den zuständigen Funktionären regelrecht zum Narren gehalten.
Sicherlich fragt ihr euch, wo wir in diesem Chaos noch Hoffnungszeichen erkennen? Gott sei Dank, es gibt sie! Die weitaus meisten der 120 Gemeinden des Bauernverbandes ACIA bestehen immer deutlicher und freimütiger auf ihrer Autonomie und sagen allen bewaffneten Gruppen, dass sie in ihrem Territorium unerwünscht sind. Nächste Woche findet in Murindó, am Grenzgebiet des mittleren und unteren Atrato, ein Treffen aller afrokolumbianischen und indianischen Basisorganisationen des Chocó statt, um gemeinsame Positionen zu entwickeln, ihre Forderungen an den Staat zu präzisieren und ihre Erwartungen an die verschiedenen Solidaritäts- und Nichtregierungsorganisationen zu formulieren. Es ist bereits das zweite Treffen dieser Art in diesem Jahr und wir sehen darin einen äusserst wichtigen Schritt im Autonomieprozess. Es sind die Gemeinden und ihre Basisorganisationen, welche die Initiative ergreifen und ihren Weg festlegen. Alle anderen, die Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisationen, der Hilfswerke, der Solidaritätsgruppen, der Pastoralteams und somit auch wir selber sind nur Begleiter in dieser Entwicklung. Auch die Vertriebenen, die versuchen, in Quibdó eine neue Heimat zu finden, sind dabei, durch den Bau eines Gemeinschaftshauses und durch kleine Wirtschaftsprojekte auf Familienbasis ihren Organisationsprozess zu stärken. Diese von uns begleitete Hilfe zur Selbsthilfe gibt den Leuten Mut, um in den zermürbenden Auseinandersetzungen mit den staatlichen Behörden durchzuhalten.
Eine unserer Hauptsorgen galt nach der Rückkehr aus dem Heimaturlaub der Frage, wie wohl die kirchliche Arbeit nach dem Bischofswechsel weitergehen würde. Bis jetzt sehen wir, dass die Diözese Quibdó ihren engagierten Einsatz für die konkreten Nöte der Menschen weiterverfolgt wie bisher und damit ihren pastoralen Grundentscheidungen treu bleibt, welche der neue Bischof Leon Fidel Cadavid Marín bei seinem Antrittsgottesdienst ausdrücklich bestätigte. An deren Entwicklung und Formulierung durften wir schon in den Diözesanversammlungen der achziger Jahre mitwirken. Folgende zehn Stichworte charakterisieren die pastoralen Grundentscheidungen für: das Leben, die Armen und Unterdrückten, eine befreiende Evangelisierung, die kirchlichen Basisgemeinden, die Basisorganisationen, die Erhaltung der Umwelt, eine inkulturierte Kirche, eine die Frau befreiende Evangelisierung, eine für Ökumene offene Kirche, die Menschenrechte und das Völkerrecht.
Wenn wir alle gemeinsam in der Lage sind, diese Grundentscheidungen in die Tat umzusetzen, dann wird die Menschwerdung Gottes konkret, hier und überall in der Welt. Euch allen wünschen wir ein gesegnetes Weihnachtfest und Frieden im Neuen Jahr.
Ursula und Uli