Freddy Sánchez Caballero
Ursula Holzapfel / Ulrich Kollwitz
Equipo Misionero Vida, Justicia y Paz
A. A. 400
Quibdó – Chocó
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Quibdó, 15. Dezember 2003
Liebe Freundinnen, liebe Freunde!
Zu einer Pilgerfahrt über den Atratofluss hatten wir gemeinsam mit der Nachbardiözese Apartadó in Zusammenarbeit mit den Basisorganisationen der Afrokolumbianer und Indianer eingeladen, um auf die in Folge des Bürgerkrieges schon sieben Jahre andauernde Blockade der wichtigsten Wasserstrasse in der Urwaldregion des Departements Chocó aufmerksam zu machen. Die monatelangen Vorbereitungen für diese aussergewöhnliche Aktion waren mit grossen Erwartungen verknüpft. Wir fragten uns: Wie viele Organisationen und Institutionen werden der Einladung folgen? Wie wird das Echo in den Medien sein? Wie gross wird die Beteiligung der Bevölkerung sein? Wie werden die Solidaritätsgruppen im Ausland reagieren?
Am Sonntag, dem 16. November um sieben Uhr morgens, war es am Hafen von Quibdó endlich so weit. Mit dem Segen von Bischof Fidel León Cadavid traten rund achthundert Menschen die Pilgerreise “Für freie Fahrt auf dem Atrato” an mit dem Ziel, nach fünf Tagen den Meereshafen Turbo gegenüber der Mündung des Atrato zu erreichen. Zwei Schiffe, sieben grosse Boote und sechs Schnellboote setzten sich in Bewegung, um den Fluss wieder für den zivilen Schiffsverkehr zu öffnen.
Die Beteiligung übertraf alle Erwartungen. An die hundert Teilnehmer aus 14 Nationen, darunter 25 Journalisten von in- und ausländischen Medien, waren von weit her angereist. Repräsentanten der Vereinten Nationen, Kirche, Regierung, Hilfswerke, Menschenrechtsverteidiger und Basisorganisationen waren so zahlreich vertreten, wie es die Bewohner der Atratodörfer noch nicht erlebt hatten. Die Solidaritätsbekundungen derjenigen, die nicht persönlich teilnehmen konnten, füllten eine umfangreiche Mappe, die während der Fahrt von Hand zu Hand ging.
Schon am Vortag hatten 600 Campesinos aus den 120 Gemeinden der ACIA (Asociación Campesina Integral del Atrato) mit demselben Ziel einen friedlichen Protestmarsch durch die Strassen Quibdós organisiert. Nun begrüssten diese Gemeinden die vorbeifahrenden Schiffe und Boote begeistert mit Fahnen und Spruchbändern. Überall wo Station gemacht wurde, bewiess sich das hohe Organisationsniveau, das nötig war, um so viele Gäste zu beköstigen und unterzubringen und gleichzeitig noch Versammlungen abzuhalten, um über die Auswirkungen des Kriegs zu berichten, der Gewaltopfer zu gedenken und kulturelle Darbietungen der Musik-, Tanz- und Theatergruppen zu präsentieren.
Im Mittelpunkt stand immer dasselbe Problem. Alle bewaffneten Akteure, ob legal oder illegal, stellen sich sebst als die Retter und ihre Gegner als Kriminelle dar und setzen die Gemeinden unter Druck, mit ihnen zu kollaborieren. Dagegen wehrt sich die Bevölkerung schon lange mit aller Energie. Die Basisorganisationen der ethnischen Minderheiten der Schwarzen und der Indianer verlangen die Anerkennung ihrer Autonomie in den angestammten Territorien. Sie sind davon überzeugt, dass die zweifellos schwerwiegenden sozialen und wirtschaftlichen Interessenkonflikte in Kolumbien nur mit politischen Mitteln und auf demokratischem Weg gelöst werden können. Bewaffneter Kampf und militärische Repression werden stets auf dem Rücken der wehrlosen Zivilbevölkerung ausgetragen und dienen letzten Endes nur den wirtschaftlichen Interessen einer kleinen Minderheit. So schädigt auch die Blockade des Atrato lediglich die sowieso schon prekäre Wirtschaftslage der Armen sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. Die militärische Schlagkraft der Kriegsparteien wird dagegen so gut wie nicht beeinträchtigt und die Massenflucht der Landbevölkerung schafft neuen Grossgrundbesitz.
So war unsere Pilgerfahrt eine einzigartige Gelegenheit für Tausende von Männern, Frauen und Kindern, aller Welt massiv vor Augen zu führen, dass sie sich nicht länger von der Guerrilla, den Paramilitärs oder den offiziellen Streitkräften einschüchtern lassen wollen, dass sie die Kriegspolitik aller bewaffneten Gruppen ablehnen und auf ihrem Recht bestehen, sich endlich wieder frei bewegen zu können. Jetzt kommt es darauf an, dass Transportunternehmer, Geschäftsleute und Passagiere den Mut aufbringen, die Strecke Turbo – Quibdó wieder zu befahren. Es kann zwar niemand Garantien für die Sicherheit geben, das ist auf 500 Km Flussfahrt durch den Urwald unmöglich. Doch nun ist die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit im In – und Ausland auf den Atrato gerichtet. Daher gibt es gute Gründe, die Hoffnung darauf zu setzen, dass sich in diesem Moment wohl keine der Kriegsparteien erneute Übergriffe auf die Atratoschifffahrt leisten kann, wenn sie nicht als die eindeutig Schuldigen an der Blockade und dem durch sie verursachten Elend dastehen wollen.
Falls es allerdings doch zu erneuten Überfällen auf Boote und Schiffe kommen sollte, ist Solidarität auf allen Ebenen – lokal, regional, national und international – gefragt, um durch massiven Protest die Täter zu disqualifizieren und unter moralischen und politischen Druck zu setzen. Denn es geht um den gewaltfreien Überlebenskampf der Afrokolumbianer und Indianer des Atrato. Deshalb haben wir uns in der Diözese Quibdó mit der Sache dieser Gemeinden verbündet, um so die Sendung Jesu fortzusetzen, der sich in der Synagoge von Nazareth die Worte des Profeten Jesaja zu eigen machte: ”Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkünden das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.” (Lukas 4, 18-19)
So möchten wir Euch allen von Herzen für Eure Unterstützung danken, nicht nur anlässlich der konkreten Aktion “Für freie Fahrt auf dem Atrato” sondern für alle Solidarität im Laufe des Jahres, für Euer Gebet und Eure Anteilnahme, für Eure finanzielle Hilfe, Eure Briefe, Anrufe und e-mails, Danke.
Möge das Fest der Hoffnung ein Anlass sein, die Verbindungen mit den Menschen im Chocó zu vertiefen. So verbleiben wir mit den besten Segenswünschen
Ursula und Uli