Quibdó, 30. November 2008
Liebe Freundinnen, liebe Freunde!
Heute, am ersten Adventssonntag, haben wir uns vorgenommen, Euch einen schon längst fällig gewordenen Rundbrief zu schreiben. Wir wollen gar nicht erst mit Entschuldigungen kommen, sondern Euch gleich von dem berichten, was uns hier bewegt.
Die Arbeit mit den Familienangehörigen der Gewaltopfer hat auch die zweite Jahreshälfte für uns bestimmt. Mittlerweile haben sich bereits über 400 Personen der Bewegung angeschlossen und wöchentlich kommen zwei bis drei neue betroffene Familien dazu, die uns von ihren Problemen berichten und hören wollen, welche Orientierung wir ihnen geben können. Viele der Opfer sind verschwunden, nie wurde ein Leichnam gefunden. Das ist besonders schmerzhaft, da nicht einmal die nötige Trauerarbeit geleistet werden konnte. In diesem Jahr haben wir uns an sechs Sonntagen mit den Angehörigen zu einer Tagesveranstaltung im diözesanen Bildungshaus getroffen und mit Allen gemeinsam Ideen für weitere Initiativen entwickelt. Ein Anliegen war es ihnen, einen monatlichen Trauergottesdienst zu feiern, um an alle Opfer zu denken und diejenigen namentlich zu nennen, die im Laufe der Jahre im jeweiligen Monat von den verschiedenen bewaffneten Gruppen (Paramilitärs, Militär, Guerrilla) ermordet wurden. Denn alle Namen vorzulesen würde mittlerweile schon mehr als eine Stunde Zeit in Anspruch nehmen.
Angehörige, die im Besitz von Fotos ihrer Verstorbenen sind, haben diese gebracht. Wir haben Vergrösserungen angefertigt und Name, Alter, Todesort und Datum sowie Angabe der Tätergruppe dazugeschrieben. So ist eine beeindruckende Gedächtnisgalerie entstanden. Wenn sie bei den Gottesdiensten aufgestellt wird, zieht sie viele Menschen an. Immer wieder hören wir, dass die Bewohner der Stadt eine solche Initiative begrüssen, da auf diese Weise die schrecklichen Ereignisse im öffentlichen Bewusstsein nicht in Vergessenheit geraten. Die unmittelbar Betroffenen können das alles sowieso nie vergessen und leiden bis heute ständig unter den traumatischen Erinnerungen.
In den internationalen Schlagzeilen über Kolumbien taucht, wenn überhaupt, nur die Situation der Entführten auf, wie zum Beispiel der spektakuläre Fall der Befreiung von Ingrid Betancourt. Doch ist dabei zu bedenken, dass von Entführungen in der Regel wohlhabende Familien von Politikern und Geschäftsleuten betroffen sind, deren menschliche Problematik ohne Zweifel schmerzhaft und bedauerlich ist. Aber keines ihrer Kinder muss deswegen die Schule verlassen, weil das Schulgeld nicht bezahlt werden kann, keines dieser Kinder muss Hunger leiden oder es regnet ihm aufs Bett, weil das Dach undicht ist oder die Hütte lediglich mit Plastik bedeckt ist. Für fast zwei Millionen von Flüchtlingskindern sind solche Situationen hier jedoch die traurige Realität.
Aus diesem Grund möchten wir uns heute in unserem Weihnachtbrief mit einem bestimmten Anliegen an Euch wenden. Bei Weitem können wir hier nicht allen Flüchtlingsfamilien und Angehörigen von Gewaltopfern helfen. Aber es gibt mittlerweile Gruppen, die sich durch ihre Solidarität und ihren Gemeinschaftsgeist ausgezeichnet haben. Diese Frauen und ihre Familien möchten wir mit einem Zuschuss für die Verbesserung ihrer Wohnsituation unterstützen. Sie selbst wollen die Bauarbeiten in gegenseitiger Eigenleistung erbringen. Für den Anfang geht es um die 11 Familien der Handarbeitsgruppe Choibá, die ja einigen von Euch durch ihre Arbeiten schon bekannt sind. Diese Frauen haben bereits ein kleines, unscheinbares Kapital angespart, was zeigt, wie wichtig ihnen dieses Anliegen ist. Von ihrem geringen Verdienst durch die Handarbeiten (80 Euro im Monat) legen sie seit fünf Monaten jedes mal einen kleinen Betrag auf die Seite. Allerdings hat eine der Frauen bei der letzten Versammlung gemeint, sie müsste mindesten 180 Jahre alt werden, um auf diese Weise ihr Haus herrichten zu können. Damit es nicht so lange dauert, könnte ein Materialfond von 700 Euro pro Haus ihnen eine wesentliche Verbesserung der Wohnverhältnisse in kurzer Zeit ermöglichen. Sollte der angestrebte Hausbaufond für mehr als 11 Häuser reichen, gibt es schon weitere Gruppen, die sich auf ähnliche Weise vorbereiten und auf Unterstützung hoffen.
Das Thema Hausbau ist auch für uns persönlich in diesem Jahr ganz konkret geworden. Bislang haben wir ja mitten in Zentrum von Quibdó in einem gemieteten Haus gewohnt. Auf unseren Wunsch hin, wieder mehr in den Aussenbezirken der Stadt präsent zu sein, hat uns die Diözese ein Grundstück zur Verfügung gestellt, auf dem wir nun ein Wohnhaus mit Versammlungsraum bauen. Bei der Auswahl der Handwerker haben wir natürlich auch an die Familien der Vertriebenen gedacht. Unter Anleitung eines erfahrenen Baumeisters können einige Männer etwas dazulernen und gleichzeitig zum Unterhalt ihrer Familien beitragen. So hoffen wir, dass dieses Haus dann wohl zu einer Anlaufstelle für die Angehörigen der Gewaltopfer werden kann und wir uns dort mit mehr Ruhe um die Anliegen dieser Menschen kümmern können. Das Grundstück ist recht gross und könnte auch noch Platz für eine kleines Gärtneiprojekt für die älteren unter den Flüchtlingen bieten.
Mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Denn wenn wir eines gelernt haben, so ist es, nichts übers Knie zu brechen sondern neue Ideen langsam wachsen zu lassen. Nur so können dauerhafte Prozesse entstehen.
Mit Hoffnung und Zuversicht, mit Gottvertrauen und Gelassenheit
dürfen wir Weihnachten feiern und in ein Neues Jahr gehen.
Gesegnete und frohe Weihnachten, Zeit zur Entspannung und Muße,
Besinnung auf die wirklichen Dinge, viele Lichtblicke
und Gottes Geleit im Neuen Jahr.
Ursula und Uli
Spendenkonten:
Steyler Bank St. Augustin, Bankleitzahl 38621500, Kontonummer 11009
Verwendungszweck: für Ulrich Kollwitz oder Ursula Holzapfel
oder Dresdner Bank Saarbrücken, BLZ 59080090
Kontonummer 0393196102, Kontoinhaber Pfarrer Matthias Holzapfel
Verwendungszweck: Flüchtlingswohnungen
Dann ist auch deine Nacht Heilige Nacht
Ich bin deine Freude -
Fürchte dich also nicht,
froh zu sein!
Ich bin in deiner Not,
denn ich habe sie
selbst erlitten.
Ich bin in deinem Tod,
denn heute,
als ich geboren wurde,
begann ich mit dir zu sterben.
Ich gehe nicht mehr weg von dir.
Was immer dir geschieht,
durch welches Dunkel dein
Weg dich auch führen mag -
Glaube, dass ich da bin!
Glaube, dass meine Liebe
Unbesiegbar ist!
Dann ist auch für
Dich Weihnacht.
Dann ist auch deine Nacht
Heilige Nacht.
Dann zünde getrost die Kerzen an -
Sie haben mehr recht als alle Finsternis.
(Karl Rahner)
letzte Änderung: 06.03.2011
(seit 30.4.2001)