Ursula Holzapfel / Ulrich Kollwitz
Quibdó, 17. Mai 2002
Equipo Misionero Justicia y Paz
Liebe Freundinnen, liebe Freunde!
Inmitten der Kriegswirren wollen wir ein kurzes Lebenszeichen von uns geben. Die Ereignisse haben sich in den letzten Wochen überschlagen.
Am 21. April wurde Vigía del Fuerte und Bellavista überraschend für uns alle von Paramilitärs besetzt, die ungehindert an den Militärstationen im Unteren Atrato vorbeifahren konnten.
Am 25. April wurde der gesamte Lebensmitteltransport für die Gemeinschaftsläden im Mittleren Atratotal von einer Guerillagruppe der FARC geplündert.
Am 1. Mai begann dann der Angriff der Guerilla auf die Paramilitärs in Vigía und Bellavista. Die Guerilla übernahm praktisch ohne grossen Widerstand die Kontrolle über Vigía und die Paramilitärs verschanzten sich in Bellavista, vor allem in der Nähe der Kirche und dem Haus der Ordensfrauen, wo sich die Bewohner des kleinen Dorfes versammelt hatten in der Hoffnung, als Zivilbevölkerung von den Kampfhandlungen verschont zu bleiben. Tragischerweise kam es dann am Tag darauf zu der schlimmen Tragödie, als ein Sprengsatz der Guerilla in die Kirche von Bellavista einschlug und nach offiziellen Angaben 117 Menschen tötete, die Mehrzahl Frauen und Kinder. Die Bewohner von Bellavista, darunter über hundert Verletzte, flohen unter Kugelhagel auf die andere Flusseite nach Vigía del Fuerte.
Trotz dieses Masakers an der Zivilbevölkerung gingen die Kämpfe zwischen den eingeschlossenen Paramilitärs und der Guerilla bis zum 5. Mai abends weiter. Am Samstag dem 4. Mai konnte die erste Kommission der Diözese, zu der auch Ursula gehörte nach Vigía fahren. An diesem Tag griff die kolumbianische Luftwaffe in die Kämpfe ein und bombadierte die Umgebung von Hubschraubern und Flugzeugen aus. In der Nacht zum 5. Mai wurden im Murrí - Fluss die Notquatiere der Bewohner, deren Häuser eine Woche vorher durch eine Überschwemmung fortgerissen worden waren, aus den Flugzeugen bombadiert in der Annahme, es handelte sich um ein Lager der Guerilla. Am 5. Mai begleitete Uli dann die zweite Kommission mit dem Ombudsmann und einem spanischen Journalisten. An diesem Tag forderte die Bevölkerung die Guerilla auf, das Dorf Vigía zu verlassen. Am nächsten Tag kam die Guerilla dieser Aufforderung nach. Unterdessen rückte die Marine über den Unteren Atrato vor und bombardierte am Nachmittag des 6. Mai das Dorf Napipí, wo sich die Guerilla verschanzt hatte. Bei dieser Bombardierung wurden 3 Personen verletzt, eine junge Frau starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Am 7. Mai verschärften sich die Bombardierungen unter Einsatz von Mirageflugzeugen. Wir konnten von Vigía aus die Bomben fallen sehen, deren Detonationen die Holzhäuser schwer erschütterten. Am Abend dieses Tages landeten Bodentruppen mit Hubschraubern in der Nähe und die Marine rückte bis Vigía vor. Am 8. Mai marschierten die Soldaten in Vigía ein und das Militär úbernahm die Kontrolle. Ab diesem Zeitpunkt tauchten Paramilitärs aus ihren Verstecken auf, brachten ihre Verletzten ins Krankenhaus, plünderten die Häuser in Bellavista und besorgten sich Zivilkleidung. Vor aller Augen konnten sie sich in Bellavista und Vigía frei bewegen inmitten des Militärs und des Personals der Staatsanwaltschaft. Diese offensichtliche Komplizenschaft führte zu einer Panik unter der Zivilbevölkerung und löste eine Massenflucht nach Quibdó aus. Bis zu diesem Zeitpunkt waren trotz aller Gefahren die Leute von Bellavista fest entschlossen, in ihr Dorf zurückzukehren. Jetzt ist es ein Geisterdorf geworden und auch die umliegenden Dörfer sind zum grossen Teil bereits auf der Flucht nach Quibdó. Nach gestrigem Stand beträgt die Zahl der neuen Vertriebenen bereits 2700 Personen.
Die betroffenen Gemeinden haben viel Solidarität erfahren. Der Leiter des UNO-Menschenrechtsbüros hat mit seinem Team einen Besuch vor Ort gemacht und die Aussagen der Bevölkerung öffentlich wiedergegeben, was zu empfindlichen Protesten des Staatspräsidenten und der Generäle führte. Heute hat P. Albeiro Parra in einer öffentlichen Veranstaltung an der Jesuitenuniversität in Bogotá gesprochen. Teile seiner Aussagen wurden in den Nachrichten wiedergegeben und lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Gefahr von Repressalien sind dabei allerdings gross, dessen müssen wir uns alle bewusst sein. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen.
Bevor wir uns morgen früh erneut auf den Weg in die Dörfer machen, um eine noch grössere Massenflucht zu vermeiden, möchten wir uns bei euch allen für euer Interesse und eure Solidarität bedanken.
Am 27. Mai, dem Tag nach den Präsidentschaftswahlen, haben wir vor, wieder für ein paar Tage nach Quibdó zu kommen.
Herzliche Grüsse
Ursula und Uli