"Vertreibungen - Recht auf Heimat"
"Dearade"- "Haus für alle"
Der Krieg in Kolumbien zwischen den offiziellen Streitkräften und ihren paramilitärischen Killerbanden einerseits und den verschiedenen Guerillaorganisationen andererseits fordert immer mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung. Die Zahl der von ihrem Land vertriebenen Campesinos hat mittlerweile schon die Zweimillionengrenze überschritten. Allein im Departement Chocó mit einer Einwohnerzahl von 400.000 liegt sie bei über 40.000.
Eine besondere Beachtung verdient inmitten dieses Flüchtlingsdramas die Situation der Indianergemeinden, deren Siedlungsgebiet sich hier im Chocó auf die Oberläufe und Quellgebiete der Urwaldflüsse beschränkt. Wohin könnten sie noch fliehen? Eine Flucht in die Stadt bedeutet im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsgruppen für die Indianer den völligen Verlust ihrer Kultur und Identität. Es wäre der Tod ihres Volkes. "Hier in dieser Erde sind unsere Nabelschnüre vergraben", sagen sie.
Um unter dem ständigen Druck der dominanten "Zivilisation" zu überleben, gründeten die Indianergemeinden des Chocó bereits vor über zwanzig Jahren die Organización Regional Embera-Wounaan (OREWA) und forderten die Anerkennung der traditionellen indianischen Autoritäten und der Autonomie im Sinne einer ins kolumbianische Staatswesen integrierten Selbstverwaltung. Als immer mehr Gemeinden unter den Druck der verschiedenen bewaffneten Gruppen gerieten, erklärte die OREWA ihre strikte Neutralität im militärischen Konflikt und gab bekannt, dass die Indianer lieber alle Risiken in Kauf nähmen, als zu fliehen. Trotzdem kam es vor allem im Einzugsgebiet der strategisch wichtigen Strassenverbindung von Quibdó nach Medellín in den letzten Jahren doch zu Vertreibungen einzelner Indianergemeinden, welche allerdings nach ein paar Monaten oder spätestens einem Jahr wieder in ihre Dörfer zurückkehrten.
Als Alternative auf solche Extremsituationen, in denen eine zeitlich begrenzte Flucht unvermeidbar ist, entwickelte die OREWA das Präventivprogramm DEARADE. Dearade, ein Wort aus der Sprache der Embera bedeutet: Haus für Alle. In einigen für Besuche von Kommissionen und den Transport von Hilfsgütern relativ günstig gelegenen Dörfern sollen Gemeinschaftshäuser nach dem traditionellen Stil der indianischen Kultur gebaut werden, um Gemeinden, die fliehen müssen, innerhalb ihres eigenen Kulturraumes Zuflucht gewähren zu können. Die Finanzierung dieses Programms hat die in der Regel höchst unzuverlässige staatliche Sozialbehörde "Red de Solidaridad Social" übernommen. Und während der Bau der ersten Häuser noch nicht abgeschlossen ist und mit dem Bau der übrigen nicht einmal begonnen wurde, sieht sich das Programm DEARADE bereits einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt.
Am 28. Oktober 2001 startete das kolumbianische Militär von Quibdó aus eine Offensive gegen Guerillaverbände des ELN, die seit über einem Jahr einen breiten Sektor der Strasse nach Medellín kontrollieren. Es kam zu Gefechten mit Hubschraubereinsätzen in der Nähe der Indianersiedlung El Veinte, worauf sich die Guerilla bis zur Siedlung El Dieciocho zurückzog. Seit diesem Tag war jede Verbindung zu den zwölf in dieser Richtung liegenden Indianergemeinden abgeschnitten. Erst am 2. November konnte die OREWA und die Diözese Quibdó nach Rücksprache mit dem Militärkommando den Versuch unternehmen, eine gemeinsame Kommission zu den betroffenen Gemeinden zu schicken. Doch schon in der Nähe der seit 14 Monaten verlassenen afrokolumbianischen Siedlung Munguirrí wurde das mit einer Fahne der Diözese kenntlich gemachte Fahrzeug der Kommission von einer Militärsperre aufgehalten und musste unverrichteter Dinge umkehren. Ein Unteroffizier erklärte, er habe den Befehl des kommandierenden Oberst, niemanden durchzulassen.
Erst nach einer sofort in Bewegung gesetzten Eilaktion, die zum Glück auch in Deutschland zahlreiche Reaktionen hervorrief, und der ausdrücklichen Zusicherung der IV. Militärbrigade in Medellín, dass einer Fahrt in das Krisengebiet nichts im Wege stünde, konnte die Kommission am nächsten Tag wenigstens die Dörfer El Veintiuno und El Veinte besuchen und dabei folgende Situation feststellen: In der Nacht zum 28. Oktober war das Militär mit acht Fahrzeugen bis in unmittelbare Nähe von El Veinte vorgerückt. Um drei Uhr morgens nahmen die Soldaten den Gouverneur der Gemeinde fest, verhörten und beschimpften ihn und sperrten ihn bis um halb sieben in die Kabine eines Lastwagens. Sie verboten seiner Frau, Lärm zu machen, so dass die Gemeinde nichts von der willkürlichen Verhaftung ihres Gouverneurs merkte. Zwei Stunden später zerrten sie einen jungen Mann aus seinem Haus, schlugen ihn, bedrohten ihn mit einer Pistole und beschuldigten ihn, Komplize der Guerilla zu sein. Erst als kurz darauf an alle der Befehl zum weiteren Vormarsch erging, liessen sie von ihm ab. Der kommandierende Oberst beschuldigte anschliessend die Gemeinde von El Veinte, die Guerilla mit Schreien in ihrer Sprache vor dem bevorstehenden Angriff gewarnt zu haben, was gegen die Neutralität verstosse und daher als Verrat zu deuten sei. Nach Aussage der Indianer handelte es sich um ganz normale Zurufe von Haus zu Haus zu einer Uhrzeit, wo das allgemeine Dorfleben anfängt.
Ab diesem Tag wurde den Indianern verboten, sich frei zu bewegen, weshalb sie auch kaum Kontakt zu ihren Nachbargemeinden aufnehmen konnten. Es fehlen Transportmöglichkeiten, um ihre Produkte auf den Markt zu bringen und die Artikel des nötigsten Bedarfs einzukaufen. Der Oberst bot ihnen zu diesem Zweck zwar Militärfahrzeuge an, was die Indianer allerdings begreiflicherweise ablehnten. Während des Besuchs der Kommission kampierte eine Truppe von Soldaten mit schwerer Bewaffnung in den Häusern von El Veinte, was gegen die elementarsten Regeln des Humanitären Völkerrechts verstösst. Einige Soldaten erzählten den Leuten, diese Offensive fände auf ausdrücklichen Wunsch der Leitung der OREWA statt. Andere geben die Meinung von sich, die Indianer seien gefährlich, weil sie "Gewerkschaftsideen verbreiten". So wird gezielt Verwirrung gestiftet und der Organisationsprozess der Gemeinden sabotiert. Mittlerweile ist das Militär bis El Dieciocho vorgerückt. Die Guerilla zieht sich zurück, kontrolliert aber nach wie vor weite Teile der Strasse. Einige Gemeinden wollen in ihrem Dorf aushalten. Andere wollen sich gemäss dem Projekt DEARADE an einem strategischen Ort konzentrieren. Wieder andere ziehen es bis auf weiteres vor, sich im Urwald zu verstecken.
Zumindest kann jetzt die OREWA mit Hilfe der Diözese Transporte in das Krisengebiet organisieren, um die Gemeinden mit den dringendsten Hilfsgütern wie Medikamenten. Salz, Seife und einigen Grundnahrungsmitteln zu versorgen und deren Produkte auf den Markt zu schaffen. Doch wie schwierig ist es für die Gemeinden, sich vor den bewaffneten Akteuren Respekt zu verschaffen, um nicht in die Kriegshandlungen hineingezogen zu werden? Keine der Kriegsparteien, ob legale oder illegale, achtet die Regeln des Humanitären Völkerrechts zum Schutz der Zivilbevölkerung. In ganz Kolumbien zeichnet sich eine gefährliche Tendenz der Polarisierung ab, in der jeder gezwungen werden soll, im bewaffneten Konflikt Partei zu ergreifen. Neutralität wird nicht geduldet und die über eine simple Position der Neutralität weit hinausgehende Forderung der indianischen und afrokolumbianischen Minderheiten nach Anerkennung ihrer Autonomie als eigenständiger Weg zur Erreichung ihrer sozialen, kulturellen, politischen und territorialen Rechte schon gar nicht.
Die Terrorpanik nach dem 11. September und die Erklärung des weltweiten Antiterrorkriegs gibt dieser Polarisierung ungeheuren Auftrieb und kann den Chocó und ganz Kolumbien in ein unvorstellbares Chaos treiben. Daher sind Aufrufe zur Besonnenheit und die Solidarität mit friedensfördernden Alternativen wie den Autonomieprojekten der Indianer und Afrokolumbianer heute dringender denn je. DEARADE- ein "Haus für Alle" könnte zum Symbol für die Zukunft Kolumbiens werden, denn dieses Land hat Platz und Ressourcen genug, damit alle hier ein menschenwürdiges Leben führen können.
Equipo
Misionero Justicia y Paz, Quibdó
15. November 2001